Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 52. (2007)
REBITSCH, Robert: Der kaiserliche Feldzug in das Herzogtum Holstein im Jahre 1644
Die Frage, ob man mit Schweden noch zu einem friedlichen Sonderabkommen gelangen konnte oder doch auf Dänemark setzen sollte - Optionen, die noch im September 1643 in Wien diskutiert wurden14 - stellte sich mit dem Angriff Torstenssons auf Holstein und Jütland nicht mehr. Die immer brandgefährlichen schwedischen Truppen unter Feldmarschall Lennart Torstensson, Graf zu Ortala und Freiherr von Virestad, operierten zwar in der ersten Hälfte des Jahres 1643 in den habsburgischen Erbländem, im Königreich Böhmen, und konnten dort wichtige Festungen und feste Plätze wie Olmütz/Olomouc erobern15, unternahmen jedoch völlig überraschend einen Schwenk in Richtung Norden und griffen Dänemark in einer Stärke von ca. 16 000 Mann an.16 Torstensson, der von der schwedischen Reichsregierung mit Beschluss vom 25. Mai 1643 beauftragt wurde, auf Dänemark zu marschieren17, löste sich unter dem Vorwand angestrebter Waffenstillstandsverhandlungen18 geschickt von den Kaiserlichen, zog mit seiner Hauptarmee nach Norden und fiel im Dezember desselben Jahres in Holstein ein. Die schwedische Offensive auf die Herzogtümer und auf Jütland bedeutete zwar für die habsburgischen Erblande eine Entlastung, brachte aber das Reichsoberhaupt dennoch in eine heikle diplomatische und militärische Situation. Unweigerlich musste Ferdinand nun, wollte er den ohnehin schwierigen dänischen König Christian IV. nicht als wertvollen Bündnispartner auf dem westfalischen Friedenskongress verlieren, ein militärisches Vorgehen gegen die Schweden einleiten. Die dänische Gesandtschaft verließ einstweilen Osnabrück und stand für Verhandlungen nicht mehr zur Verfügung. Mit dem Abzug der schwedischen Der kaiserliche Feldzug in das Herzogtum Holstein im Jahre 1644 14 Vgl. Mecenseffy: Im Dienste, S. 322. 15 Dazu vgl. Dudik, Beda: Schweden in Böhmen und Mähren 1640-1650. Nach kaiserl. österreichischen und königl. schwedischen Quellen dargestellt, und mit der kais. Akad. der Wissenschaften hrsg. B. Dudik. Wien 1879. S. 67-101. 16 Zum Feldzug des schwedischen Generals nach Dänemark vgl. Böhme, Klaus Richard: Lennart Torstensson und Helmut Wrangel in Schleswig-Holstein und Jütland 1643-1645. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte 90 (1965), S. 41-82; äußerst fehlerhaft der schon ältere Aufsatz von Mahrenholtz, Richard: Zur Geschichte der Holsteinischen Expedition des General Torstenson 1644. In: Programm des Gymnasiums zu Stendal (Stendal 1874), S. 1-19; eine umfassende, moderne Biographie zu Lennart Torstensson fehlt, daher vgl. zu seiner Person Tings ten, Lars Herman: Fältmarskalkama Johan Baner och Lennart Torstenson säsom härförare. (= Skrifter MilitärlitteraturfÖreningens förlag 164. Stockholm 1932); Holmberg, Sven R.: Lennart Torstenson: omdanade artilleriet, rikstygmästare, fältmarskalk 1603-1651. ln: Hans Ulfhielm (Redak.), Svenska artilleristprofiler under fyra sekel. Stockholm 1999, S. 13-57 und eine kurze Zusammenfassung bei F i n d e i s e n, Jörg-Peter: Der Dreißigjährige Krieg. Eine Epoche in Lebensbildern, Graz-Wien-Köln 1998, S. 437-442. 17 Böhme: Lennart Torstensson, S. 41. Allerdings erreichte der Marschbefehl der schwedischen Regierung Torstensson erst 4 Monate später. Vgl. dazu Öhman: Schwedens Weg aus dem Dreißigjährigen Krieg, S. 176. 18 Kriegsarchiv, Alte Feldakten [in Hinkunft: KA, AFA], 1643 XI 1, Ka. 116, Leslie an Piccolomini, Wien 4. November 1643. 35