Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 52. (2007)

SCHARR, Kurt: Österreichische Archivalien in der Ukraine (Galizien und der Bukowina)

Das Staatsarchiv Czemowitz Die Bukowina gehörte seit 1775 dem „österreichischen“ Staatsverband an.3 Von 1775-1785 unterstand das Land einer direkt dem Hofkriegsrat in Wien verantwortlichen Militärverwaltung. Ab 1786 bis 1848 (mit Übergängen bis in die 1850er Jahre) wurde das vielfach auch als die „österreichische Moldau“ beschriebene Gebiet als 19. Kreis des Königreiches Galizien-Lodomerien weitgehend von Lemberg aus administriert. Im Zuge der politischen und staatsrechtlichen Veränderungen im Kaiserreich um das Jahr 1848 erlangte der knapp 10 500 km2 große Landstrich als „Herzogtum Bukowina“ den Status eines eigenständigen Kronlandes. Mit Ende des Ersten Weltkrieges und den Beschlüssen der Pariser Vorortekonferenzen endete die österreichische Zugehörigkeit der Bukowina. Das ehemalige Kronland wurde für mehr als 20 Jahre Teil des Königreiches Rumänien, bis 1940 als Folge des Hitler-Stalin-Paktes die nördlich gelegenen Landesteile an die Sowjetunion fielen, wo sie mit einer Unterbrechung während der Jahre 1941-1945 bis heute verblieben sind. Zur Geschichte des Staatsarchivs Bis 1907 verfügte die Bukowina über kein eigenständiges staatliches Archiv, Dokumente wurden entweder in den entsprechenden Ämtern, durch Private oder in den Klöstern des Kronlandes aufbewahrt. Am 1. November 1907 kam es in enger Zusammenarbeit mit der 1875 errichteten Franz-Josefs-Universität Czemowitz zur Gründung des Archivs, zu dessen erstem Direktor man Universitätsprofessor Dr. Wolodimir Milkowitsch berief. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der die Bukowina besonders in Mitleidenschaft ziehen sollte, gelang es den Archivmitarbeitem und namhaften Vertretern der Landesforschung wie etwa Raimund Friedrich Kaindl, die Bestände laufend auszubauen und um private Sammlungen zu erweitern. Während des Weltkrieges 1914-1918 gingen einige Bestände verloren und Teile des Archivs lagerte man nach Wien aus. Nach den Veränderungen im Zuge der Auflösung der Monarchie 1918 - die Bukowina war Bestandteil des rumänischen Königreiches geworden - konstituierte sich 1924 eine Kommission, deren Aufgabe die Neuordnung, Systematisierung und Konzentration des Czemowitzer Archivs auf die Geschichte des Gebietes war. Unter ihr befanden sich u. a. Ion Nistor (Präsident der Kommission), Simeon Reli, Theodor Balan, Raimund Friedrich Kaindl und Vasile Grecu - allesamt Kenner der Bukowina und Mitbegründer einer umfassenden Landesforschung.4 Österreichische Archivalien in der Ukraine (Galizien und der Bukowina) 3 Österreichische Truppen hatten die Bukowina schon am 31. August 1774 besetzt, der Abtretungsvertrag mit der Hohen Pforte wurde erst am 7. Mai 1775 unterzeichnet. 4 Raimund Friedrich Kaindl (1866-1930), Historiker und Volkskundler, Doktorat 1891, 1893 Habilitierung für das Fach Österreichische Geschichte an der Universität Czemowitz mit einer Arbeit über ältere ungarische Geschichte, dann als Mittelschullehrer und Privatdozent tätig, ab 1901 ao. Professor für Österreichische Geschichte (seit 1905 ordentlicher) in Czemowitz, von 1915-1930 Ordinarius für österreichische Geschichte in Graz; Ion Janky Nistor (1876-1962) war 333

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