Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 52. (2007)

SCHARR, Kurt: Österreichische Archivalien in der Ukraine (Galizien und der Bukowina)

Kurt Scharr 1940 besetzte die Sowjetunion die Nordbukowina und schloss sie administrativ der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik an. Es kam allerdings nicht, so wie im Falle von Tirol zu einer mehr oder weniger systematischen Trennung der Materialien zwischen der Ukraine und Rumänien. Wichtige Bestände befinden sich heute allerdings auch im Kreisarchiv Suceava sowie in Bukarest selbst. Im Weiteren konzentriert sich der Beitrag jedoch auf Czemowitz. Die erste Direktorin dieser Periode war F. P. Schewtschenka. Unter ihrer Leitung begann man erneut mit einer grundlegenden Bestandssystematisierung, die allerdings durch den deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 unterbrochen werden musste, als rumänische Truppen die Nordbukowina besetzten. Im sowjetischen Sprachgebrauch bezeichnete man die Zeit der österreichischen Herrschaft als „österreichischen Besetzung“, jene der rumänischen „Okkupation des bojarischen Rumäniens“. Am 28. Juni 1940 konnte „dieses ukrainische Land von den rumänischen Bojaren befreit und mit der ukrainischen SSR vereint werden“? Bei der Durchsicht der russischsprachigen Findbücher ist auf diese wertenden Formulierungen im sowjetischen Jargon zu achten, könnten sie doch allein schon Gegenstand einer Untersuchung sein. Vier Jahre später, am 5. Juli gelang es der Roten Armee, die Bukowina von rumänisch-deutschen Truppenverbänden zu befreien und den Verwaltungszustand von 1941 wiederherzustellen. Das Archiv nahm 1945 seine Arbeiten erneut auf. In der Folge gliederte man Dokumente, die vor 1940 nach Rumänien verfrachtet worden waren und nunmehr von der sozialistischen rumänischen Republik an die Sowjetunion teilweise rückerstattet * Politiker und rumänischer Historiker, unterrichtete als Mittelschullehrer 1901-1908 in Czemowitz und Suceava rumänische Geschichte und rumänische Sprache, wurde 1909 in Geschichte promoviert und 1911 an der Universität Wien mit einer Arbeit über die Handelsbeziehungen der Moldau im Spätmittelalter habilitiert. Nistor lehrte 1912-1940 als Professor für südosteuropäische Geschichte an der deutschen Univeristät Czemowitz. In den Jahren 1933-1940 übte er das Amt des Rector Magnificus an der dortigen Universität aus. Nistor gab 1924-1939 gemeinsam mit Vasile Grecu u. a. die literarisch-philosophisch-historische Zeitschrift „Junimea literarä çi Codrul Cosminului“ heraus; Theodor Balan (1885-1972) studierte in Czemowitz und Wien, Promotion in Geschichte 1932, Mittelschulprofessor in Cämpulung Moldovenesc, Czemowitz und Suceava (1908-1932), Staatsarchivdirektor in Czemowitz (1932-1940). Wasile Grecu (1885-1972) absolvierte sein Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft in Czemowitz und Wien, das er 1919 mit dem Doktorat abschloss. Gleichzeitig war Grecu als Mittelschulprofessor in Czemowitz tätig (1909-1920). Nach dem Ersten Weltkrieg erhielt er den Ruf an den Lehrstuhl für Byzantinistik der Universität Czemowitz (1920-1938) und wechselte später nach Bukarest ( 1938— 1947). Simeon Reli (1882-1945) beendete sein Studium in Wien mit dem Doktorat in Theologie (1928) ab, arbeitete in der Folge als Professor für rumänisch-orthodoxe Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität und als Staatsarchivdirektor in Czemowitz. Es ist bezeichnend, dass über diese Historiker in deutschsprachigen Nachschlagewerken kaum etwas zu finden ist, im Gegensatz zu Kaindl, der in der Monarchie bereits verankert war und dann in Graz den Anschluss an die neue Zeit finden konnte. Für diese Informationen aus der Enciclopedia Istoriografiei Româneçti danke ich Herrn Professor Lica von der Universität Galati. 5 Einleitung zur ungedruckten Generalarchivübersicht des staatlichen Gebietsarchivs von Czemowitz ex ca. 1979. Eine überarbeitete wie erheblich erweiterte und gedruckte Version ist z.Zt. in Vorbereitung. 334

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