Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 52. (2007)

SCHARR, Kurt: Österreichische Archivalien in der Ukraine (Galizien und der Bukowina)

Kurt Scharr Dokumente von Seite der sowjetischen Forschung kaum tiefergehende Beachtung fanden. Erst mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und der damit einher gehenden Öffnung dieser Einrichtungen ist ein größeres Interesse aus dem „Westen“ zu verzeichnen. Allerdings beschränkte sich die Nutzung der Materialien zunächst großteils auf die jüdische Geschichte Osteuropas vor und nach 1918 sowie die Arbeit einiger .Hobbyhistoriker’ auf der Suche nach der Herkunft ihrer Familie u. ä., die österreichische, institutionalisierte Geschichtsforschung ist in diesen Archiven kaum präsent. Gerade die Archive von Lemberg und Czemowitz stellen für die Geschichte der Monarchie bzw. jener der österreichischen Länder einen sehr bedeutenden Fundus dar, der über die Regionalforschung weit hinausgeht, aber trotzdem noch kaum die ihm zustehende Beachtung gefunden hat. Galizien und die Bukowina als Neuerwerbungen der Monarchie des späten 18. Jahrhunderts waren gewissermaßen ein Experimentierfeld für die Idee eines neu zu schaffenden Verwaltungs- und Territorialstaates.2 Kaiser Joseph II. konnte in diesen Ländern seine Vorstellungen eines zentral verwalteten und modernen Staatswesens erproben. In den westlichen Gebieten Österreichs mit seinen alten Strukturen und der teilweise tief verwurzelten regionalen Selbstbestimmung waren solche Pläne schwer und nur gegen den Widerstand der Stände, der Reformen schon in ihren Ansätzen bremste, durchzusetzen. Archivzusammenführungen während der Sowjetzeit haben bewirkt, dass sowohl vormals lokale als auch regionale Bestände verschiedener Verwaltungseinheiten in einem zentralen Archiv, zumeist in der Regionshauptstadt konzentriert wurden. Eine weit gehende Ordnung der Akten erfolgte erst in den 1950ger und 1960ger Jahren. Detailstudien auf Basis der Archive in Lemberg und Czemowitz, welche die mittleren und unteren Verwaltungseinheiten ausreichend dokumentieren, könnten somit auch zu einem über die Regionalforschung hinausgreifenden Ansatz in der Bewertung der Reformen des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts führen, zumal über diesen Weg jene Lücke in den Beständen geschlossen werden kann, die der Justizpalastbrand 1927 unter den Akten der Hofkanzlei gerissen hatte. Der Bericht und die eingeflossene, langjährige Erfahrung aus der Forschungs­tätigkeit des Verfassers in Archiven der ehemaligen Sowjetunion soll einem breiteren Kreis der österreichischen Geschichtsforschung die Möglichkeit und die Anregung bieten, sich dieser Dokumente anzunehmen und gleichzeitig eine erste Hilfestellung bei der Archivarbeit vor Ort bilden. Für die österreichische Forschung von großer Wichtigkeit ist in diesem Zusammenhang die seit 1918 erfolgte neuerliche - wie mehrfach wechselnde — West-Ost-Umpolung, die nach dem Ersten Weltkrieg eine mehr als 150-jährige Periode der Ausrichtung nach Wien und Zentraleuropa schlagartig beendete. 2 Galizien (noch ohne Krakauer Gebiet) gelangte 1772 mit der ersten Teilung Polens an Österreich, 1775 folgte die Bukowina. 332

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