Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 51. (2004)

SPIRA, György: Die erste Schilderung von Artúr Görgei über seine Tätigkeit

György Spira Was jedoch den ersten Versuch des Memoirenautors Görgei am meisten von der später publizierten Arbeit unterscheidet, ist jener Umstand, dass der Autor im ersteren trotz des Niedergeschriebenen seine Vorstellungen und Handlungen viel kritischer darstellt als im letzteren und davon zeugen bereits die ersten beiden Sätze dieser frühen Schrift: Die Belagerung Ofens war der größte Fehler, den wir begehen konnten, denn sie verhinderte uns, die Vorteile zu verfolgen welche wir durch den Sieg über die Oesterreicher bei Nagy-Sarlö (am 10. April 1849) errungen hatten. Diesen Fehler gut zu machen, war nach der Einnahme von Ofen (am 21. Mai) nicht mehr möglich. In den gedruckten Memoiren gibt es nämlich keine Spur von derartigen selbstkritischen Erklärungen, obzwar diese vollkommen stichhaltig sind. In großer Zahl kann man jedoch hier ziemlich gekünstelten Erläuterungen begegnen, mit denen der Autor seine Leer davon überzeugen will, dass er nach dem Sieg bei Nagy-Salö und nach der Entsetzung der bis dahin vom Gegner belagerten Festung Komorn sein Vordringen nach Wien nicht fortsetzen konnte, sondern seine Truppen begründeterweise nach Ofen führte und so ohne sein Verschulden viel Zeit mit der Belagerung der Ofner Festung verlor. Weshalb es diesen Unterschied zwischen den beiden Darstellungen gibt ist nicht schwer zu erraten. Als er seine ersten Erinnerungen zu Papier brachte, konnte in Görgei noch sehr lebendig jene Verbitterung gelebt haben, die die Niederlage des Freiheitskampfes kurz vorher noch in allen ausgelöst hatte, die wie auch er - dafür gekämpft hatten, je mehr von den Märzerrungenschaften der ungarischen Revolution zu bewahren. Es liegt also auf der Hand, dass wie die anderen Teilnehmer am Freiheitskampf auch er sich noch in erster Linie mit der Frage gequält hatte, was man hätte anders, besser tun können. Und obendrein wusste er damals noch nicht, dass Kossuth, der nach dem Zusammenbruch auf türkisches Territorium geflohen war, ihn schon in der ersten Septemberhälfte zum Verräter stempeln würde,52 weitere vier Wochen danach aber unabhängig von Kossuth - wird einen ähnlichen Vorwurf gegen ihn auch der im Komitat Szatmar sich verborgen haltende große ungarische Dichter Mihäly Vörösmarty53 Vorbringen, und dann wird er sehr rasch im Auge von halb Ungarn der allein für das Fiasko verantwortlich zu machende Sündenbock sein. Damals leitete auch er noch den Untergang aus dem Verrat her, doch - wie es zu sehen war - aus dem 52 Kossuth an die in England und Frankreich tätigen diplomatischen Vertreter Ungarns, Widdin, 12. Sept. 1849, in: Kossuth, Ludwig [Lajos]: Die Katastrophe in Ungarn, Leipzig, 1849, S. 5-42. 53 Spira, György: Vörösmarty Görgey-ellenes verseröl [Über das gegen Görgey gerichtete Gedicht von Vörösmarty), ln: Irodalomtôrténeti Kôzlemények 1981, S. 659-661. 136

Next

/
Oldalképek
Tartalom