Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 50. (2003) - 200 Jahre Russisches Außenministerium

ISCHENKO, Viktor: Der russische Botschafter Rasumofsky. Mensch und Politiker

Viktor Istschenko traf alle in Wien wie ein Donnerschlag: Es war bereits vom neuen Zaren - Pawel I. - unterzeichnet. Die am 6. November verstorbene Katharina hatte für ihren Sohn den Weg auf den Thron frei gemacht. Für Rasumowski war diese Neuigkeit ein schwerer Schlag. Er hatte noch den be­trüblichen Vorfall von Neapel vor Augen und erwartete nun die Abrechnung. Doch Pawel war friedlich gestimmt. Er bot Andrej an, nach Petersburg zurück zu kehren und im hohen Rang eines Vize-Präsidenten der Admiralität die Flottenverwaltung zu übernehmen. Wiederum stellen die Umstände Rasumowski vor die Wahl seines weiteren Le­bensweges. Doch war sein Schicksal diesmal nicht völlig in den Händen des Mo­narchen. Der russische Botschafter hatte das Recht der Wahl. Und er wählte Wien. Als direkter Nachkomme eines Kasaken und Hetmanns, hatte er sich bereits so an das Leben in Wien gewöhnt, dass er sich ein Leben woanders als in Wien schon nicht mehr vorstellen konnte. Sein 24-jähriger Aufenthalt im Ausland hatten ihn gänzlich von der Heimat entfernt. In Wien fühlte sich Graf Andrej zu Hause, in Russland fühlte er sich fremd. Durch seine Frau war er mit dem österreichischen Adel und vielen Aristokratenfamilien Europas verwandt. Man kann sagen, dass er zu einem Kosmopoliten und Europäer und vielleicht sogar - unbewusst - zu einem Europäisten geworden war. Doch das Europa, das der Graf idealisierte, brauchte als Grundlage das ständisch­monarchische Prinzip, jahrhundertealte Traditionen und Kontinuität. Begriffe wie „Freiheit“ und „Republik“ riefen bei ihm als Vertreter allerhöchster russischer A- delskreise eine starke Gereiztheit hervor. Für seine Briefe typische Wendungen sind z. B. „der Schrecken der Freiheit“, „die Hydra der Revolution“ u.s.w. Man kann Andrej Rasumowski und sein Umfeld zu den typischen Vertretern des europäischen Konservatismus traditioneller Auffassung zählen, der in Europa zu Anfang des 19. Jahrhunderts als Antwort auf die französische Revolution entstand. Nicht zufäl­lig wurde Rasumowski mit Friedrich von Gentz, dem späteren Sekretär von Kle­mens Metternich, bekannt und später auch befreundet. Gentz wurde dadurch be­kannt, dass er als Erster das Werk des Engländers Edmund Burke „Betrachtungen über die Französische Revolution“ ins deutsche übertrug und herausgab, ein Buch, das man als die Bibel des klassischen europäischen Konservatismus ansehen kann. Gentz selbst hat in seinem Tagebuch vermerkt, dass er Rasumowski für einen der drei oder vier würdigen Bewohner Wiens hält, die er täglich besuchte.7 Die Absage Rasumowski auf das Angebot des Monarchen konnte Pawel nicht un­berührt lassen. Die Berichte des Botschafters riefen bei ihm häufig Gereiztheit her­vor. Er nutzte eine sich bietende Gelegenheit und enthob Rasumowski nicht nur seines Ranges sondern berief ihn ab und verbannte ihn auf das väterliche Anwesen in der Ukraine. Dieser Schlag traf die Eitelkeit des stolzen Höflings, der in ganz Europa bewun­dert wurde, um ein vielfaches härter als der Degenstich Pawels in Neapel. In Wien 7 Rückübersetzung; Tagebücher von Friedrich von Gentz, Leipzig, 1861, S. 67. 84

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