Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 50. (2003) - 200 Jahre Russisches Außenministerium
ISCHENKO, Viktor: Der russische Botschafter Rasumofsky. Mensch und Politiker
Der russische Botschafter in Österreich A. Rasumowski: Mensch und Politiker nigs entsandt. Golizyn blieb gleichzeitig Botschafter am Kaiserhof. Mit dieser Entscheidung bemühte sich Katharina, die verletzte Eitelkeit des alten Botschafters zu beschwichtigen. Doch die Doppelherrschaft in der russischen diplomatischen Mission blieb nicht ohne Folgen. Zwischen Rasumowski und Golizyn entflammten oft Brüderkriege um das Recht, Erster zu sein. Katharina musste eingreifen und Golizyn zurechtweisen, in Zukunft nichts ohne Wissen Rasumowskis zu entscheiden. Indem sie Letzteren nach Wien sandte, wollte Katharina das zurück gewinnen, was seinerzeit unter Golizyn verloren gegangen war. Sie brauchte einen frischen, schnellen, verständigen Geist, ein feines Ohr und ein feinfühliges Barometer, das auch die leisesten Änderungen im politischen Klima Österreichs und Europas anzuzeigen vermochte. All dies von dem halbtauben, halbblinden und gänzlich eingedeutschten Golizyn zu fordern, war nicht mehr möglich. Mit der Zeit begriff auch Golizyn selbst, dass sein Kredit in Petersburg aufgebraucht und seine Zeit abgelaufen war. Er entschloss sich, unter dem Vorwand seines hohen Alters, seinen Rücktritt einzureichen. Er bat lediglich darum, in Wien bleiben zu dürfen, wo er die letzten 30 Jahre seines Lebens verbracht hatte. Am 23. April 1792 wurde Andrej Rasumowski zum außerordentlichen und bevollmächtigten Botschafter am Wiener Hof ernannt. Auf diese Weise endete das fast zweijährige innerdiplomatische Duell zu Gunsten Rasumowskis, der damals auch nicht im Entferntesten daran dachte, dass ihn ein einmal ähnliches Schicksal erwarten würde wie in Wien seinen Vorgänger Golizyn. Doch einstweilen nahm sich der neue Botschafter stürmisch der Dinge an, und zu seinem ersten Erfolg wurde das Wiederinkrafttreten des Vertrags über gegenseitige Hilfe zwischen Russland und Österreich am 3. Juli 1792. Dieser Vertrag hatte unter den Bedingungen eines instabilen Europas für beide Seiten eine große Bedeutung. In Petersburg sprach man oft davon, dass dies ein persönlicher Verdienst des russischen Botschafters sei und der österreichische Kaiser Franz, der Leopold II. auf dem Thron ablöste, schenkte Rasumowski zum Zeichen der Anerkennung seiner Rolle eine goldene Tabakdose mit Brillanten und einem Porträt. Alle russischen Botschaftsbeamten erhielten eine Prämie von 500 Goldmünzen. Durch die Erfolge in Wien beflügelt, arbeitet Rasumowski aktiv weiter - er nimmt an den Gesprächen zur zweiten und dritten Aufteilung Polens teil und verwendet danach große Anstrengungen darauf, Österreich davon zu überzeugen, dass die preußisch-russischen Beziehungen in der Frage Polens keine Bedrohung für Österreich und Russland darstellen. Ingesamt ist die Wende des 18.-19. Jahrhunderts für Europa eine Zeit einer ausgesprochen aktiven Außenpolitik. In der Epoche der Napoleonkriege entstanden und zerfielen Staatsallianzen. Die alten politischen Strukturen Europas waren bedroht. Rasumowski hasste Napoleon und bemühte sich, bei jeder kleinsten sich bietenden Möglichkeit seiner Zarin die Idee eines dem Untergang geweihten Europas einzuflößen. Dieses sei einzig und allein nur durch Russland zu retten, wenn es offen gegen Frankreich auftrete. Davon war im Einzelnen in einer Depesche vom 19. November 1796 an Katharina die Rede. Das Antwortschreiben aus Petersburg 83