Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 50. (2003) - 200 Jahre Russisches Außenministerium

ISCHENKO, Viktor: Der russische Botschafter Rasumofsky. Mensch und Politiker

Viktor Istschenko freundlich aufnahm, wurde Rasumowski auf das Herzlichste empfangen. Der russi­sche Botschafter Fürst Dmitri Michailowitsch Golizyn nahm in Wien einen Sonder­status ein: er galt als einer der zum dortigen Adel gehörenden, und allen Personen, die er dem Wiener Adel vorstellte, öffneten sich dessen Türen. So führte er auch Rasumowski bei der Familie Thun ein. Die Familie der Grafen von Thun- Hohenstein gehörte einem der ältesten österreichischen Adelsgeschlechter an und besaß große Landgüter in Österreich und Böhmen. Diese Bekanntschaft erwies sich als, wir würden heute sagen schicksalsträchtig. Die älteste Tochter des Grafen Thun Elisabeth heiratete Rasumowski 11 Jahre nach seinem ersten Eintreffen in Wien 1788. Zu dieser Zeit hatte er bereits sieben Jahre Erfahrung als Botschafter in Nea­pel, wo er sich das Wohlwollen der Königin Carolina-Maria erwarb und viel für die Interessen seines Vaterlandes tat. Z. B. erwirkte er die Erlaubnis, dass Schiffe unter russischer Flagge im Hafen von Neapel vor Anker gehen durften, was die Zarin unsagbar erfreute. Nach dem Zusammenstoß mit Pawel in Neapel sagte sich Andrej von der Idee los, eine selbstständige Rolle in St. Petersburg zu spielen. Seine Seele litt nicht länger unter dem Bewusstsein, dass seine Jugendpläne gescheitert waren. Katharinas Aufmerksamkeit forderten der Süden und die Türkei, außerdem wollte sie sich gegen Norden hin absichern und so sandte sie den erste Erfolge machenden Rasumowski dorthin. Vier Jahre weilte Graf Rasumowski in Skandinavien - als Botschafter in Dänemark (1784-86) und Schweden (1786-88). Zufrieden mit der Arbeit ihres Botschafters, hob Katharina das Verbot auf, die Heimat zu besuchen und zum ersten Mal nach 13-jährigem Aufenthalt im Ausland war es Rasumowski gestattet, Petersburg und Moskau zu besuchen. 1789 kam Rasumowski gemeinsam mit seiner jungen Frau nach Russland, doch der Aufenthalt währt nicht lange. An der Wende der 80er und 90er Jahre verschlechterte sich die internationale Situation Russlands erheblich, und so verschlechterten sich auch die beiderseitigen Bezie­hungen zu Österreich. Nach dem Tod von Joseph II. regierte Kaiser Leopold als sein Nachfolger das Land, unter dem Österreich immer öfter Russland gegenüber unfreundlich gesinnte Schritte unternahm. Dies erforderte objektiv neue diplomati­sche Anstrengungen. Gleichzeitig waren viele im Kollegium für Auswärtige Ange­legenheiten in Petersburg unzufrieden mit der Tätigkeit des alten Botschafters, Fürst Golizyns, der zu diesem Zeitpunkt bereits 70 Jahre alt war und den man für schuldig daran hielt, dass er die Annäherung Österreichs an Preußen nicht abge­wendet hatte. Katharina II. wollte Golizyn jedoch nicht zurück rufen, obwohl sie die Notwendigkeit zur Verstärkung der Botschaft in Wien einsah. Im Mai 1790 schrieb sie an ihren Günstling Potjomkin, Österreich betreffend: [...] am besten ist es, Andrej Rasumowski dorthin zu schicken. Seine Frau ist Wiene­rin und er hat dort Verbindungen. Er ist nicht dumm und die Jugend hat sich schon et­was gelegt, et il parait plus prudent, [...] so viel sogar, dass er eine Glatze bekommen hat.6 Mit dem Erlass vom 30. September 1790 wurde Fürst Andrej Rasumowski zum bevollmächtigten Minister nach Wien an den Hof des ungarisch-böhmischen Kö­6 Das russische Altertum, XVII, S. 415. 82

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