Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 50. (2003) - 200 Jahre Russisches Außenministerium
ISCHENKO, Viktor: Der russische Botschafter Rasumofsky. Mensch und Politiker
Der russische Botschafter in Österreich A. Rasumowski: Mensch und Politiker Natürlich erkannte die russische Zarin bereits zu dieser Zeit, dass die geistigen Fähigkeiten ihres Sohnes nicht ausreichen würden, um das Land effektiv zu regieren9. Sie empörte sich auf das Äußerste und beschloss, Rasumowski so weit wie möglich aus dem Weg zu räumen. Die zweite Version hat einen romantischeren Anstrich. Danach hat die Großfürstin bei einer Beichte kurz vor ihrem Tod ihre Gattenuntreue bereut. Als Ursache für ihren Sündenfall gab sie Andrej Rasumowski an. Das Beichtgeheimnis wurde bekannt und zog die bereits bekannte Entscheidung der Zarin nach sich. Für diese Version spricht der Fakt, dass sechs Jahre später, im Januar 1782, Pawel mit seiner zweiten Frau inkognito unter dem Namen Graf Sewerny durch Europa reiste. In Neapel, wo Rasumowski Botschafter war, kam es zu einem zufälligen beiderseitigen Zusammentreffen, bei dem sich Pawel im Zustand höchster Erregung auf Rasumowski stürzte und diesen fast mit dem Degen erstochen hätte. Der zukünftige russische Monarch hatte seiner ersten Gattin längst verziehen, ja sie sogar eher vergessen. Weder vergessen noch verzeihen konnte er jedoch den Verrat seines Jugendfreundes und ihm nahe stehenden Höflings. Weniger emotional reagierte die weise Katharina II. Als sie sich entschied, den Grafen zu verbannen, hatte sie unumstößliche Beweise für seine politischen Intrigen in der Hand. Ungeachtet dessen vergaß sie für keinen Augenblick die Saatsinteressen und kam nicht umhin, Rasumowskis Fähigkeiten zu bemerken. Sie nannte ihn einen „talentierten, aber hochnäsigen Jüngling“. Das Können, seine Berechnungen auf das Wissen um menschliche Eigenschaften zu begründen, geheime Triebfedern in Gang zu setzen, schachspielartige Kombinationen auszuspielen - all das war nach Meinung Katharinas bestens dazu geeignet, Russland auf dem Diplomatischen Parkett zu vertreten. So machte sich also Graf Rasumowski, nachdem er 1777 seine erste diplomatische Berufung erhalten hatte, auf den Weg nach Neapel. Doch auf dem Weg dorthin machte er, durch das Warten auf die Einreisegenehmigung des Königs von Neapel gezwungen, Zwischenstation in Wien. Das Warten dauerte [...] zwei Jahre! Wien gefiel dem jungen Grafen. Doch auch er selbst machte auf das Wiener Publikum einen unwiderstehlichen Eindruck. Einer der Biographen Beethovens, Ludwig Nohl, beschreibt diese Zeit so:4 Der Wiener Adel entdeckte sofort sein Herz für Rasumowski. Die Vergnügungssucht, reizende Manieren, ein fröhliches Leben und ein lebendiges Kunstverständnis waren zu dieser Zeit die charakteristischen Merkmale der adligen Wiener Gesellschaft. All dies verstand und all dies beherrschte Rasumowski, und seine Leidenschaft für die Frauen konnte eben zu dieser Zeit in den Wiener Sälen ihre vollste Befriedigung finden.5 Seine Zeitgenossen beschreiben Rasumowski in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts als einen Ritter ohne Fehl und Tadel, gut gebaut und schön und für die Damen unwiderstehlich. Obwohl die Wiener Gesellschaft Ausländer nicht allzu 9 S c h i 1 d e r, N. K.: Der Zar Pawel I., StPb., 1901, S. 94, 99. Rückübersetzung aus dem Russischen. 5 Nohl, Ludwig: Beethovens Leben, S. 17. 81