Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 50. (2003) - 200 Jahre Russisches Außenministerium

ISCHENKO, Viktor: Der russische Botschafter Rasumofsky. Mensch und Politiker

Viktor Istschenko Der Lebensweg des jungen Grafen Andrej Rasumowski verhieß nie diplomati­schen Ruhm, seine persönlichen Pläne waren weit von einer diplomatischen Karrie­re entfernt und sahen eigentlich eine ganz andere geographische Richtung als Wien es war, vor. Mit 17 Jahren begann er seinen Dienst in der Flotte, mit 20 wurde er Kapitänleutnant und Fregattenkommandeur, nahm an der berühmten Tschesmeni- schen Schlacht in der Ägäis teil, wechselte danach zu den Landstreitkräften und wurde mit 23 Jahren Generalmajor der russischen Armee. Ab 1772 steht er als Kammerjunker und Höfling des russischen Zarenhofes, dem so genannten „kleinen Großfürstlichen Hof' des Thronerben Pawel Petrowitsch, besonders nahe. Letzterer vertraute ihm, als seinem Jugendfreund, uneingeschränkt. Es sei nur bemerkt, dass der junge Rasumowski in besonderer Mission nach Deutschland geschickt wurde, um die zukünftige Großfürstin Natalja Alexejewna, damals aber noch Prinzessin Wilhelmine von Hessen-Darmstadt, nach Petersburg zu bringen. Es schien, als ob das Hofleben dem Grafen Rasumowski eine atemberaubende Karriere als Hofadliger verhieß, der in der Perspektive zu einer der ersten Größen im Staat hätte werden können. In den Petersburger Salons stand er im Ruf eines glänzenden Kavaliers, hervorragend gebildet, mit einem unwiderstehlichen Äußeren und einem Selbstbewusstsein, dass es dem jungen Mann gestattete, wie sein Zeitge­nosse einmal bemerkte, „allen Petersburger Schönheiten den Kopf zu verdrehen“.' Allgemein kann man sagen, dass die Frauen im Leben Rasumowskis nicht die letzte Rolle spielten. Viele schicksalhafte Zufälle in seinem Leben lassen sich kurz auf die Formel „cherché la femme“ bringen. Das erste Abweichen vom vorgefassten Szenario seines Lebens geschah im April 1776, als die Gattin des Thronfolgers und Großfürsten Pawel I. während der Geburt ihres Kindes starb. Zu dieser Zeit, als sich der gesamte Zarenhof auf ihre Beerdi­gung vorbereitete, wurde Rasumowski auf Geheiß der Zarin Katharina II. eiligst aus der Hauptstadt verwiesen und durfte für viele Jahre nicht mehr dahin zurück kehren. Ihm stand bevor, nach Rewel zu gehen und dort weitere Entscheidungen abzuwar­ten. Die Wartezeit des plötzlich in Ungnade Gefallenen zog sich fast ein Jahr lang hin und endete erst am 1. Januar 1777, als Graf Andrej Rasumowski als bevoll­mächtigter Minister und außerordentlicher Gesandter nach Neapel geschickt wurde. Diesen Zeitpunkt kann man auch als den Beginn seiner diplomatischen Karriere betrachten. Es gibt zwei Versionen, die diesen plötzlichen Ereigniswandel erklären: Nach der Ersten fand Katharina in den Papieren der verstorbenen Schwiegertochter geheime politische und finanzielle Projekte, die aus der Feder von Rasumowski stammten. Ihre Verwirklichung hatte die verstärkte politische und finanzielle Selbstständigkeit des Thronfolgers zum Ziel. Als Folge davon sollte die staatliche Bedeutung des Grafen selbst wachsen, der damit rechnete, seinen Einfluss auf Pawel zu nutzen und neben ihm zu einer Art „grauen Eminenz“ zu werden.1 2 1 Wassiltschikow: Die Familie Rasumowski, StPb. 1880, Bd. 3, S. 23. 2 Schilder, N. K.: Der Zar Pawel I., StPb., 1901, S. 102, 107-108. 80

Next

/
Oldalképek
Tartalom