Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 50. (2003) - 200 Jahre Russisches Außenministerium

LEITSCH, Walter: Die ersten 300 Jahre in den Beziehungen zu Österreich

Walter Leitsch wehr der Osmanen zeitweise nur noch aus der Hilfe der Tataren der Krim bestand. Hätte man diese Kräfte durch einen Angriff auf die Krim binden können, wäre ein früher Sieg sehr wahrscheinlich gewesen. Daher hoffte man mehr denn je auf ein Eingreifen des Moskauer Staates. 1689 trat der Moskauer Staat indirekt der Heili­gen Liga bei, doch die militärischen Aktionen gegen das Chanat der Krim (1687 und 1689) brachten nur eine zeitlich begrenzte Hilfe für die Allianz.25 1697 schloss Peter ein Bündnis mit Kaiser Leopold, doch der begann bald darauf Verhandlungen mit den Osmanen und schloss 1699 Frieden. Peter war verärgert, scherte aus der Liga aus und schloss erst ein Jahr später mit dem Osmanischen Reich Frieden. Nun wandte er sich gegen Schweden. Dieser Krieg beschäftigte ihn bis 1721, unterbro­chen nur durch einen weiteren Krieg mit dem Osmanischen Reich im Jahre 1711.26 An sich war die Wendung gegen das Osmanische Reich und gegen Schweden für den Kaiser durchaus günstig, doch wegen des großen Krieges mit Frankreich um Spanien spielte der Kaiser praktisch keine Rolle in den Unternehmungen Peters. Die Gespräche sind bis 1719 nicht abgebrochen worden, waren gelegentlich mehr, gelegentlich auch weniger freundlich. Als jedoch Peter begann, sich in die Reichs­politik einzumischen (Mecklenburg)27 und die russische Armee sich in Polen- Litauen gleichsam wie eine Besatzung verhielt, kam es zum ersten Mal in der Ge­schichte der russisch-österreichischen Beziehungen zu einem Abkommen gegen Russland, zu dem Vertrag von Wien mit Hannover und Sachsen, also indirekt mit Polen und England. Peter reagierte schnell, gab die Einmischung in Mecklenburg und die Besetzung Polens auf, sodass dieser Vertrag, kaum dass man ihn geschlos­sen hatte, schon wieder gegenstandslos war.28 Engeren Beziehungen standen in den letzten Regierungsjahren Peters weniger politische Probleme als das Streben Peters nach Anerkennung des Kaisertitels im Wege. Peter schloss einen Allianzvertrag mit 25 Danilov, N. N.: Vasilij VasiTevic Golicyn (1682-1714), in: Jahrbücher für Geschichte Osteu­ropas 2 (1937), S. 539-596; Bickford O'Brien, C.: Russia under Two Tsars 1682-1689. The Regency of Sophia Alekseevna. Berkeley and Los Angeles 1952. 26 Wittram: passim; Florovskij, V.: Russko-avstrijskie otnosenija v Epochu Petra Velikogo. Praha 1955 (= Acta Universitatis Carolinae, Historica 2); N i ki foro v, L. A.: Rossija v sisteme ev- ropejskich derzav v pervoj cetverti XVIII v., in: Rossija v period reform Petra I, Moskva 1973, S. 9- 39; Vozgrin, V. E.: Rossija i evropejskie strany v gody Sevemoj vojny. Istorija diplomaticeskich otnosenij v 1697-1710 gg. Leningrad 1986; Nikiforov, L. A.: VneSnjaja politika Rossii v po- slednie gody Sevemoj vojny. Nistadtskij mir. Moskva 1959; Florovskij , A. V.: Ot Poltavy do Pruta. Iz istorii russko-avstrijskich otnosenij v 1709-1711 gg. Praha 1971 (= Acta Universitatis Carolinae. Philosophica et Historica Monographia XXX-1969); Brulin, H.: Österrike och det stora nordiska kriget fore Karl XII:s infall i Sachsen (1700-1706), in: Historisk Tidskrift (schwed.) 29 (1909), S. 141-166, S. 197-242. 27 Mediger, Walther: Mecklenburg, Rußland und England-Hannover 1706-1721. Ein Beitrag zur Geschichte des Nordischen Krieges. 2 Bde. Hildesheim 1967 (= Quellen und Darstellungen zur Ge­schichte Niedersachsens 70). 28 Lewitter, L. R.: Poland, Russia and the treaty of Vienna of 5 January 1719, in: The Historical Journal 13 (1970), S. 3-30. 74

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