Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 50. (2003) - 200 Jahre Russisches Außenministerium

LEITSCH, Walter: Die ersten 300 Jahre in den Beziehungen zu Österreich

Schweden29 und wandte sich den Problemen des Kaspischen Meeres zu, also einem Konflikt, der mit dem Osmanischen Reich auszufechten war. Nach dem Tod Peters musste man vor allem die neuerworbenen Gebiete an der Ostsee absichern, die für die weitere wirtschaftliche Entwicklung wesentlich waren. Das historische Livland war als Besitz des Russischen Reiches nicht bzw. noch nicht allgemein anerkannt. Wegen der von Peter dem Großen am Kaspischen Meer erworbenen Gebiete drohte ein Konflikt mit dem Osmanischen Reich. Eben dieses Problem verursachte Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit mit England und/oder Frankreich, nicht jedoch mit dem Kaiser. Der erklärte sich schließlich bereit, dem schwedisch-russischen Vertrag von 1724 beizutreten und anerkannte somit Livland als russischen Besitz. Schweden hat als Bündnispartner im Folgenden keine Rolle gespielt, hat bereits im März 1727 den Russen die Zusammenarbeit aufgekündigt. Der Kaiser wollte in die Allianz seinen damaligen Partner Spanien einbringen, doch auch diese Zusammenarbeit dauerte nur bis zum Jahre 1729. Da­nach blieb von der ursprünglichen Regelung nur noch die russisch-kaiserliche Alli­anz übrig. Die erwies sich als erstaunlich langlebig und solide, beruhte also auf beständigen gemeinsamen Interessen. Dabei erwies sich der Beitritt zum russisch­schwedischen Vertrag sehr bald als bedeutungslos. Die Zusammenarbeit beruhte vielmehr auf dem am 26. Juli/6. August 1726 in Wien Unterzeichneten bilateralen Bündnisvertrag,30 der nun sowohl in Petersburg als auch in Wien bis Ende 1741 die Stellung in der europäischen Politik weitgehend bestimmte. Für beide war beim Abschluss des Vertrages nicht so sehr die Stärkung der Rolle in Europa ausschlag­gebend. Es war vielmehr die Zusammenarbeit gegen das Osmanische Reich das wichtigste Motiv für das Zusammengehen, also eines der beiden Probleme, die in den Beziehungen von Anfang an eine Rolle gespielt hatten. Die Umstände bewirkten jedoch, dass sich das neue Bündnis erstmals bei der Lö­sung eines polnischen Problems bewährte, und das war das zweite seit dem Ende des 15. Jahrhunderts stets diskutierte Anliegen, das vor allem den Russen am Her­zen lag. Doch inzwischen hatte sich die Problematik ganz wesentlich geändert. Ging es den Russen in der Mitte des 17. Jahrhunderts im Grunde immer noch um die Gebiete, die Teile des Kiever Reiches gewesen waren, so hatte man schon 1675 mit den Österreichern vereinbart, sich gemeinsam dafür einzusetzen, dass die Polen und Litauer die politische Verfassung ihres Landes nicht ändern.31 * Polen sollte machtlos werden bzw. bleiben. Karl XII. von Schweden und Peter der Große haben sich nacheinander in Polen verhalten, als wären sie die Herren des Landes, immer häufiger fochten die Nachbarn auf polnisch-litauischem Territorium ihre Kriege Die ersten 300 Jahre in den Beziehungen Russlands zu Österreich 29 Bagger, Hans: Ruslands alliancepolitik efter freden i Nystad. En Studie i det slesvigske restituti- onsspdrgsmál indtil 1732. Kpbenhavn 1974 (= Kpbenhavns Universitets Slaviske Institut 4). 30 Leitsch: Wandel; Nekrasov, G. A.: Rol’ Rossii v evropejskoj mezdunarodnoj politike 1725- 1739 gg. Moskva 1976, passim, besonders S. 82-104. 31 B anty s-Kamenskij: S. 26; Gintautas Sliesorijnas, 1675 m. Rusijos-Austrijos sutartis dél Lenkijos Lievtuvos valstybes politines santvarkos nelieciamuno, in: Lituanistica 2 (1991), S. 2, S. 13-22. 75

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