Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 50. (2003) - 200 Jahre Russisches Außenministerium
LEITSCH, Walter: Die ersten 300 Jahre in den Beziehungen zu Österreich
gern gewiss sehr froh gewesen, hatten sie doch von Beginn der Beziehungen an darauf hingearbeitet.21 Polen-Litauen war von 1600-1628 mit einem schweren Krieg mit Schweden belastet, der auf polnischem Territorium ausgefochten wurde, das Land sehr schwächte und Schweden sehr stärkte. Von dieser Kräfteverschiebung profitierte letztlich der Moskauer Staat mehr als Schweden, erreichte ein klares Übergewicht über Polen-Litauen, gewann umfangreiche Gebiete hinzu und war nun um so viel stärker als Polen-Litauen,22 dass der Sultan beunruhigt war. Es ist nämlich der Moskauer Staat auf Kosten polnischen Territoriums nach Süden vorgerückt, also den Osma- nen näher gekommen. Im Sinne einer Gleichgewichtspolitik, die in Bezug auf den Moskauer Staat und Polen-Litauen in Konstantinopel Tradition hatte, versuchte der Sultan, den Zaren zu schwächen. Das gelang nicht, denn Kiev - dessen Zugehörigkeit zum Moskauer Staat den Sultan besonders beunruhigte - war für Operationen der osmanischen Armee zu weit von Adrianopel entfernt. Der Sultan schloss Frieden (1581), ohne sein Ziel erreicht zu haben.23 Dieser Krieg Moskaus mit dem Osmanischen Reich war der Erste, neun weitere sollten folgen. Der 1681 zu Ende gegangene Krieg brachte eine dauerhafte Umorientierung der Außenpolitik des Moskauer Staates, eine Umorientierung, die von den Habsburgern fast von Beginn der Beziehungen an angestrebt und erhofft worden war. Das bedeutete jedoch nicht, dass damit auch das Problem einer Türkenliga gelöst war. Das Interesse der Moskauer erwachte schon Jahre früher. 1672 schickte der Zar Gesandte an die europäischen Höfe und forderte die christlichen Fürsten auf, sich zu einer gemeinsamen Aktion gegen das Osmanische Reich zusammenzufinden, doch Erfolg hatte der Zar damit so wenig wie die Habsburger in den vorangegangenen 150 Jahren bei ähnlichen Aktionen.24 Zur Zeit der zweiten Türkenbelagerung Wiens herrschte Frieden zwischen den Osmanen und Russen, doch die Erfolge der Kaiserlichen in den Jahren nach 1683 trugen dazu bei, dass man sich in Moskau überlegte, mit Kriegshandlungen gegen das Osmanische Reich zu beginnen. Die Kaiserlichen bemühten sich sehr, Russland in die Allianz gegen die Osmanen aufzunehmen, zumal Polen nach der sehr wichtigen, vielleicht entscheidenden Hilfe beim Entsatz von Wien, im weiteren Verlauf des Krieges nur wenig beitragen konnte. Das war umso bedauerlicher, da die AbDie ersten 300 Jahre in den Beziehungen Russlands zu Österreich Uebersberger: S. 372-470, S. 502-541; B u e s, Almut: Die habsburgische Kandidatur für den polnischen Thron während des Ersten Interregnums in Polen 1572/73. Wien 1984 (= Dissertationen der Universität Wien 163); Augustynowicz, Christoph: Die Kandidaten und Interessen des Hauses Habsburg in Polen-Litauen während des zweiten Interregnums 1574-1576 (Wien 2001); Florj a, B. N.: Russko-pol'skie otnosenija i politiceskoe razvitie Voslocnoj Evropy vo vtoroj polo- vine XVI-nacale XVII v. Moskva 1978, S. 95-117, S. 206-222. 22 Konopczyiíski: 1, S. 263-278; 2, S. 18-44, S. 85-92. 23 Stavrianos.L. S.: The Balkans Since 1453, New York (1961), S. 170-171. 24 Carykov, N. V.: Posol'stvo v Rim i sluZba v Moskvé Pavla Menezija (1637-1694), Sankt- Petersburg 1906, S. 17; Florj a , B. N.: Proekt antitureckoj koalicii v russkoj vnesnej politike 70-ch gg. XVI v., in: Social'no-Ekonomiceskaja i politiceskaja istorija Jugo-Vostocnoj Evropy (do sered- iny XIX v.), Kiäinev 1980, S. 118-132. 73