Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 50. (2003) - 200 Jahre Russisches Außenministerium
AUGUSTYNOWICZ, Christoph: „Ablegations-negocien von keiner erhöblichkeit“? – Wirken und Wirkung der Moskauer Großgesandtschaft in Wien 1687
Christoph Augustynowicz 2.3) Organisatorische Probleme Abgesehen von den zeremoniellen Fragen, die im Rahmen der Verhandlungen diskutiert und mit politischen Inhalten unmittelbar verknüpft wurden, bereitete auch der übrige formalen und organisatorische Aufwand enorme Umstände. Das kaiserliche Zeremonialprotokoll einerseits und die Moskauer Instruktion und Finalrelation andererseits legen davon Zeugnis ab.56 Schon die Anreise der Moskauer brachte erhebliche Schwierigkeiten mit sich. Am 21. Jänner 1687 waren die Gesandten aus Lemberg aufgebrochen und am 13. Februar an der schlesischen Grenze angekommen. Von diesem Zeitpunkt an wurden sie aus kaiserlichen Ressourcen versorgt. Ein Treffen mit Nefimonov am 4. März diente der Vorbereitung der Mission; die Straßen waren jedoch schlecht, das weitere Vorankommen daher ausgesprochen langsam. Am 11. März - die Gesandten befanden sich in Wölkersdorf im nördlichen Niederösterreich - begann die Vorbereitung und Koordinierung der Zeremonien unter Leitung von Obersthofmeister Ferdinand Fürst Dietrichstein und Reichsvizekanzler Königsegg. Als ständiger Begleiter der Gesandten fungierte von nun an der „Spessierungs-Comissarius“57 Wolf Christoph Haas von Aettel. Christoph Andreas Baron von Gleinitz war schließlich ausersehen worden, die Gesandten am 18. März am Tabor vor Wien zu erwarten; er war mit nicht weniger als 48 Wagen kaiserlicher Räte und zwei kaiserlichen Wagen ausgestattet. Die Moskauer Gesandten waren ausdrücklich angewiesen, ausschließlich in kaiserlichen Wagen einzuziehen.58 Zum Empfang der Gesandten war vor der Stadt ein Zeltlager errichtet worden.59 Das Bild von Wien und seiner Umgebung war offensichtlich noch von den Verwüstungen der Belagerung von 1683 geprägt, die Brücke über die Donau überdies von einem Hochwasser zerstört. Die Moskauer bezogen das Lager schließlich nach diplomatischem Brauch, als würden sie in Wien einziehen. Auf vier ihnen zu Ehren aufgestellte erbeutete osmanische Zelte mussten sie ausdrücklich aufmerksam gemacht werden. Bei der anschließend inszenierten Fahrt zum vereinbarten Treffpunkt kam es zu weiteren Problemen. Die Moskauer Gesandten hatten sich vorsichtshalber entschlossen, nicht aus den Wagen auszusteigen60, sondern zu Gleinitz geschickt. Als dieser sich weigerte, als Erster zum Treffpunkt zu kommen, folgten langwierige Auseinandersetzungen, an die zwanzigmal mussten Boten Hin und Her geschickt werden. Da Gleinitz schließlich von der rechten Seite an den Moskauer Zug heranfahren ließ, Seremetev und seine Kollegen aber ihrer Gewohnheit gemäß nach links aus ihren Wagen ausstiegen, um die rechte Hand zum Gruß frei zu haben, war das Missverständnis perfekt.61 Die Moskauer Gesandten beriefen sich auf 56 Vgl. HHStA Wien, ZA-Prot. 4, fol. 183v-215r; Pamjatniki 7 Sp. 59-70. 57 HHStA Wien, ZA-Prot. 4, fol. 183v. 58 Pamjatniki 6 Sp. 1275. 59 Ebenda, Sp. 1525. 60 „[...] nedo.ed do vstrecnago mesta“, Pamjatniki 7 Sp. 65. 61 Zur befremdeten Reaktion auf diesen Moskauer Brauch siehe HHStA Wien, ZA-Prot. 4, fol. 186. 56