Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 50. (2003) - 200 Jahre Russisches Außenministerium
AUGUSTYNOWICZ, Christoph: „Ablegations-negocien von keiner erhöblichkeit“? – Wirken und Wirkung der Moskauer Großgesandtschaft in Wien 1687
„Ablegations-negocien von keiner, erhöblichkeit“? Präzedenzfälle, Gleinitz ließ zur Klärung nach Wien schicken, um schließlich - der Kaiser hatte Indifferenz angedeutet und es war mittlerweile 7 Uhr abends geworden - unter „weglassung der handt“62 auf eigene Verantwortung zu handeln. Wenn die Moskauer Gesandten über die Erfüllung all ihrer Wünsche durch die kaiserliche Empfangsabordnung berichteten, dürfte dies eine ihrer Reputation dienliche Übertreibung gewesen sein - zeremonielle Ehre bedeutete politisches Ansehen. Eine weitere Episode, die auf einen Streit wegen ihrer internen Rangordnung hinauslief, erwähnten die Gesandten aus guten Gründen nicht in ihrer Finalrelation: Der drittgereihte Gesandte Nikiforov wollte es sich nämlich nicht nehmen lassen, gemeinsam mit Seremetev und Caadaev im ersten kaiserlichen Wagen in Wien einzuziehen, „hierauff hat der Tzermeteff mit dem Nikiphoroff zu expostolirn angefangen und sich also zornig erzeiget, als er den dritten Legatum auss dem wagen stossen wollte“.63 Endlich konnte sich der Zug in Bewegung setzen. Er war offensichtlich dermaßen lange, dass ein Umweg genommen werden musste: Über den Tabor durch den Roten Turm kam man schließlich zu St. Stephan, vorbei am Stock im Eisen über Graben, Kohlmarkt und Augustinerkirche zu den Quartieren am Neuen Markt.64 Zu weiterer ausführlicher Berichterstattung veranlasste die Moskauer Gesandten die Antrittsaudienz.65 Am 20. März erschien ein kaiserlicher Sekretär bei ihnen, um die zeremoniellen Details zu besprechen und von der üblichen diplomatischen Verzögerungstaktik Gebrauch zu machen. Die Anzahl der nötigen Kutschen, die Fortbewegung zum und bei Hof sowie die genauen Orte der Zusammentreffen mit den Vertretern des kaiserlichen Hofstaates wurden festgelegt. Auch die Zeitpunkte der Abnahme der Kopfbedeckungen, die Anzahl der nötigen Verbeugungen sowie die Reihenfolge der beim anschließenden Bankett auszubringenden Trinksprüche bot Anlass zu einiger Diskussion. Sachlich verständlicher ist die Auseinandersetzung, ob die Dolmetscher des Kaiserhofes oder der Gesandten eingesetzt werden sollten. Selbst durch Konsultationen mit Zierowsky konnten die Unstimmigkeiten nicht restlos ausgeräumt werden. Konzentriert sich der Moskauer Bericht eher auf die vorbereitenden Gespräche, so wird der Zug zur Audienz wohl wegen des exotischen Eindruckes im kaiserlichen Zeremonialprotokoll detailliert geschildert. Die Gesandten wurden von Wiener Bürgern66 begleitet, welche die Geschenke aus Moskau trugen. Nur die beiden Gesandtenwagen und der pod jacij Konrad Nikitin zu Pferde mit dem Akkreditiv der Zaren durften bis in den kleinen Hof der Hofburg einziehen, die Bediensteten mussten am Burgplatz aussteigen. Hatte sich das kaiserliche 62 HHStA Wien, ZA-Prot. 4, fol. 187'. 63 HHStA Wien, ZA-Prot. 4, fol. 188r. 64 Ebenda, fol. 188M89V. 65 Zur Antrittsaudienz und der Vorbereitung der Moskauer Gesandten durch den kaiserlichen Sekretär „Jagan Cezari“ siehe Pamjatniki 7 Sp. 70-104. 66 Die Gesandten sprachen von 60 Bürgern, das Zeremonialprotokoll von nur 40, vgl. Pamjatniki 7 Sp. 89; HHStA Wien, ZA-Prot. 4, fol. 195". 57