Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 50. (2003) - 200 Jahre Russisches Außenministerium

AUGUSTYNOWICZ, Christoph: „Ablegations-negocien von keiner erhöblichkeit“? – Wirken und Wirkung der Moskauer Großgesandtschaft in Wien 1687

Christoph Augustynowicz 2.2) Zeremonialpolitische Themen Es kann vorweg genommen werden, dass zeremonielle Missverständnisse und or­ganisatorische Probleme den Großteil der Verhandlungen und Korrespondenzen zwischen der Gesandtschaft und der Kommission beanspruchten. Zwei Aspekte der diplomatischen Etikette hatten schon seit längerer Zeit Anlass zu Problemen im diplomatischen Verkehr zwischen Wien und Moskau gegeben. Zum einen forderten die Moskauer, dass der Kaiser den Gesandten des Zaren seine Antwortschreiben eigenhändig übergebe. Zum anderen beanspruchten die Zaren gegen den Wider­stand des Kaisers die Anrede Majestät. Dem Modus der Übergabe kaiserlicher Antwortschreiben an Moskauer Gesandte war anlässlich der kaiserlichen Gesandtschaft, die sich 1675 in Moskau aufhielt, sogar eine umfangreiche Abmachung gewidmet worden. Offensichtlich konnten die Streitigkeiten aber nicht ausgeräumt werden. Die Moskauer Verhandlungspartner hatten bei dieser Gelegenheit zu bedenken gegeben, dass selbst muslimische Herr­scher, der Sultan und der Schah, ihre Antwortschreiben stets eigenhändig übergeben würden. Ferner hatten sie gedroht, der Zar würde kaiserlichen Gesandten seine Schreiben künftig nur mehr durch einen Bojaren überreichen lassen. Die kaiserli­chen Gesandten äußerten bei dieser Gelegenheit, der Kaiser sehe sich durch die Bräuche muslimischer Herrscher in keiner Weise verpflichtet. Ihnen war schließlich nachgegeben worden. Auch der kaiserliche Bote Johann Hövel, der 1684 die kaiser­liche Großgesandtschaft unter Zierowsky ankündigte, konnte die eigenhändige Übergabe seines Antwortschreibens durch die Zaren durchsetzen.38 39 Derartige zeremonielle Probleme sollte der pod jacij Kuzma Nefimonov lösen, der das Wirken der Moskauer Großgesandtschaft im Jänner 1687 vorbereitete.59 Er beklagte sich jedoch in seinem Vortrag vor den kaiserlichen Räten am 31. Jänner 1687 darüber, dass Moskauer Gesandte am Kaiserhof mit Schwierigkeiten bei Emp­fang und Abfertigung belastet seien, dass sie nur „disgusti und widerwillig vorge­lassen“40 würden. Zudem machte er die eigenhändige Übergabe des kaiserlichen Antwortschreibens zur Bedingung für das tatsächliche Eintreffen der Großgesandt­schaft am Kaiserhof. Der kaiserliche Sekretär Franz Winand von Bertram vertröste­te ihn jedoch und schob die Lösung dieses Problems auf die Verhandlungen mit der Großgesandtschaft auf.41 38 Hughes: Sophia. S. 187; Vertrag vom 19. Oktober 1675 in: Recueil des Traités et Conventions conclus par la Russie avec les puissances étrangéres 1. St. Petersburg 1874, S. 1-13. 39 Golicyn an Zierowsky, Moskau 1686 Juni 11, HHStA Wien, Russland I, Kart. 14, 1686, fol. 79'- 80v; vgl. Pamjatniki 6 Sp. 1229-1232. 40 Protokoll der Konferenz mit Nefimonov, Wien 1687 Jänner 31, HHStA Wien, Russland I, Kart. 15, Jänner - März 1687, fol. 19v. 41 Bertram an Leopold 1., [Wien] 1687 Februar 15, HHStA Wien, Russland I, Kart. 15, Jänner - März 1687, fol. 41, zur Vertröstungstaktik des Wiener Hofes siehe auch das Gutachten von Ba- den/Königsegg/Strattmann, Wien 1687 Februar 13, HHStA Wien, Russland I, Kart. 15, Jänner - März 1687, fol. 34v; zur Geringschätzung der Fähigkeiten Bertrams am kaiserlichen Hof vgl. S i e ­52

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