Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 50. (2003) - 200 Jahre Russisches Außenministerium

AUGUSTYNOWICZ, Christoph: „Ablegations-negocien von keiner erhöblichkeit“? – Wirken und Wirkung der Moskauer Großgesandtschaft in Wien 1687

„Ablegations-negocien von keiner, erhöblichkeit“? Noch deutlicher waren die Auseinandersetzungen um die Titulatur. Herrschertitel und deren Zuerkennung wurden im diplomatischen Umgang mit Moskau schon früh als politische Signale eingesetzt. Frankreich war während der Dreißigerjahre des 17. Jahrhunderts in Opposition zum Haus Habsburg verstärkt um Annäherung an Moskau bemüht und gestand dem Zaren den Kaisertitel zu, kam aber in den Fünfzi­gerjahren von dieser Gewohnheit wieder ab. England war gegenüber den Moskauer Forderungen ebenfalls sehr großzügig. Insbesondere im Verhältnis zum Kaiser selbst musste der Moskauer Anspruch auf die Anrede Majestät für Spannungen sorgen, da er dessen formellen Vorrang offen Konkurrenz machte. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Titelfrage einer kaiserlichen Gesandtschaft 1661 in Moskau erhebliche Schwierigkeiten im diplomatischen Verkehr bereitete, als die Gesandten über den Titel des Zaren belehrt wurden und der Kaiser nur als Kayserliche gross- mächtigkeit und nicht wie üblich als kaiserliche Majestät tituliert wurde. Da sich die kaiserlichen Gesandten gegen eine Gleichstellung von Zar und Kaiser gewehrt hatten, schlug man ihnen als Alternative Potentissimus (russ. mogu, cestvennej, ij) oder Maiestas (russ. velidestvo) vor; die zweite Möglichkeit war den kaiserlichen Gesandten schließlich akzeptabel erschienen.42 Diesem Thema widmete Nefimonov zwei Punkte seines Vortrages: Erstens ver­langten die Zaren die vollständige Anführung ihrer Titel in kaiserlichen Schreiben. Zweitens kritisierte Nefimonov, dass die Zaren als „die durchlauchtigkeit und nicht die Majestät, das ist Serenitas Vestra und nicht Majestas Vestra“43, der Kaiser je­doch als Majestät angeredet werde. Aus dem Bericht des pod jacij geht deutlich hervor, wie energisch die für die Moskauer Außenpolitik Verantwortlichen die Gleichstellung der Zaren mit dem Kaiser forderten: Hatte man 1661 dem Kaiser und seinen Gesandten noch Angebote gemacht, so reklamierte man jetzt den gleichen Titel für Zaren und Kaiser.44 Die kaiserlichen Räte befanden sich bereits Nefimonov gegenüber in der Defensi­ve. Reichsvizekanzler Königsegg konnte nur entgegnen, dem pod jacij doch außer­gewöhnlich hohe Ehre erwiesen zu haben: Bei der Audienz seien die Zaren in An­neil : Konferenz. S. 255; in den Pamjatniki 6 Sp. 1631 und 7 Sp. 1388 wird Bertram versehentlich „Vebertram“ genannt. 42 Torke, Hans-Joachim: Das Moskauer Reich im Horizont des Westens, in: Handbuch der Ge­schichte Rußlands, Bd. 2,1. Stuttgart 1986, S. 182-199, hier S. 194-195; die Titulierung der Zaren durch die europäischen Herrscher hat Rauch, Georg von: Moskau und die europäischen Mächte des 17. Jahrhunderts, in: Historische Zeitschrift 178, (1954), S. 25-46, hier S. 32-33 vergleichend thematisiert; konkret über den Streit um die Majestät als Thema der Beziehungen zwischen Kaiser und Zaren 1661 und 1686 vgl. Meyer, Klaus: „Kayserliche grossmächtigkeit“. Titularfragen bei den Verhandlungen zwischen Kaiser und Zar 1661/2, in: Zeitschrift für Ostforschung 12 (1963), S. 1-10; Bantys-Kamenski, Nikolaj N.: Obzor vneänich snosenij Rossii (po 1800 god). Cast' Pervaja (Avstrija, Anglija, Vengrija, Gollandija, Danija, Ispanija. Moskva 1894, S. 30; O' B r i e n: Two Tsars. S. 103. 43 Protokoll der Konferenz mit Nefimonov, Wien 1687 Jänner 31, HHStA Wien, Russland I, Kart. 15, Jänner - März 1687, fol. 19'. 44 Pamjatniki 7 Sp. 53-54. 53

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