Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 50. (2003) - 200 Jahre Russisches Außenministerium
AUGUSTYNOWICZ, Christoph: „Ablegations-negocien von keiner erhöblichkeit“? – Wirken und Wirkung der Moskauer Großgesandtschaft in Wien 1687
„Ablegations-negocien von keiner, erhöblichkeit“? Tracht porträtieren lassen: Einerseits gab er sich somit versöhnlich gegenüber der polnisch-litauischen Republik, die unter realistischer Einschätzung als der Verlierer des Moskauer Friedensvertrages gelten muss. Andererseits nutzte er die Gelegenheit, sich als dem Westen gegenüber offen darzustellen.18 Der neue, offensive, betont aktive Stil der russischen Außenpolitik kam in einer groß angelegten, von Sofi- ja initiierten diplomatischen Aktion zum Ausdruck. Zwischen 1684 und 1688 wurden russische Diplomaten in elf europäische Hauptstädte entsandt. Boris Petrovic Seremetev und seine Kollegen kamen im Rahmen eben dieser diplomatischen Großaktion 1687 an den Kaiserhof.19 Es war dieselbe Gesandtschaft, die davor für die Ratifizierung des Friedens von Moskau in Polen-Litauen gesorgt hatte.20 Dies ist ein offensichtliches Signal für den hohen Stellenwert, der dem Verhältnis zum Kaiser von Golicyn eingeräumt wurde. 2) Wirken und Wirkung der Moskauer Gesandtschaft in Wien von 1687 2.1) Diplomatiepolitische und militärische Themen Durch die Schwächung Polen-Litauens wurde die Abwehr der Osmanischen Expansion ab der Mitte des 17. Jahrhunderts zum Hauptmotiv der österreichischrussischen Beziehungen. Unmittelbar nach der Entsetzung Wiens im Jahr 1683 bahnte der Kaiser zur Schaffung einer militärisch-politischen Verbindung zwischen Wien und Moskau diplomatische Kontakte an. 1684 brach eine kaiserliche Gesandtschaft unter Führung Johann Christophs Freiherrn Zierowsky von Zierowa und Sebastians Freiherrn von Blumberg nach Moskau auf, bot Golicyn und seinen Mitarbeitern die beständige Freundschaft des Kaisers an und brachte den Wunsch nach Frieden zwischen Russland und Polen-Litauen zum Ausdruck. Vor allem in Blumbergs Ausführungen sahen Golicyn und seine Kollegen eine überschwängliche Ermutigungen zur Expansion des Moskauer Staates nach Südwesten. Tatsächlich wurde in Wien nur unter diesen Voraussetzungen die Einbeziehung des Moskauer Staates in die europäische Allianz gegen das Osmanische Reich für möglich gehalten.21 Anscheinend war den Moskauern daran gelegen, Aufgeschlossenheit gegenüber einer eventuellen Einbindung des Moskauer Staates in antiosmanische Pläne zu demonstrieren, denn Zierowsky und Blumberg wurden aufgefordert, als aktive 18 Vgl. die Abbildung in Molcanov, Nikolaj Nikolajevic: Diplomatija Petra I. Moskva 1984 nach S. 64; zu den Porträts von Golicyn siehe den Bericht bei Hughes, Lindsey A. J.: Russia and the West, the Life of a Seventeenth-Century Westemizer, Prince Vasily Vasil'evich Golitsyn (1643- 1714). Newtonville 1984 (=Russian Biography Series 14), S. 101-102; zu seinem traditionellem Modeverständnis siehe Finnogh Smith, Abby: Prince V. V. Golitsyn: The Life of an Aristocrat in Muscovite Russia. Cambridge, Mass. 1987, S. 238. 19 Anderson, Mathew S.: Peter the Great. London 1978, S. 28. 20 Pamjatniki diplomaticeskich snosenij drevnej Rossii s derzavami inostrannymi. Tom 6/7. Sankt Petersburg 1862/1864; hier Pamjatniki 7 Sp. 5-6. 21 Zu Blumberg siehe Hughes: Golitsyn. S. 36. 47