Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 50. (2003) - 200 Jahre Russisches Außenministerium

AUGUSTYNOWICZ, Christoph: „Ablegations-negocien von keiner erhöblichkeit“? – Wirken und Wirkung der Moskauer Großgesandtschaft in Wien 1687

Christoph Augustynowicz Vermittler eines Friedensvertrages aufzutreten.22 Golicyn und sein Stab gingen mit diesem großzügigen Angebot keinerlei Risiko ein, da den kaiserlichen Gesandten ohne entsprechende Instruktion ohnehin die Hände gebunden waren. Darüber hinaus war es die Situation der Katholiken im Moskauer Staat, die von den Moskauer Gesandten in Wien thematisiert werden sollte. Ein deutliches Signal für die Öffnung gegenüber neuen Ideen bewies das Wirken von Jesuiten in Moskau seit 1684. Zierowsky hatte sie zur Seelsorge für katholische Ausländer zurück ge­lassen. Sie wurden geduldet, ihnen wurde die Ausübung ihres Ritus in Schulen, bei Prozessionen, Begräbnissen und anderen religiösen Bräuchen ermöglicht, jedoch keinerlei Recht auf den Bau einer eigenen Kirche eingeräumt. Die Reihen der kai­serlich-katholischen Gäste in Moskau wurden in den folgenden Jahren noch ver­stärkt. Der Jesuitenpater Georgius David befand sich 1686 in Moskau. Außerdem werteten die Zaren die Anwesenheit eines mit kaiserlichem Akkreditiv ausgestatte­ten Arztes in Moskau ausdrücklich als Zeichen der Freundschaft mit dem Kaiser.23 Am 24. März 1687 hatten die Moskauer Gesandten Boris Petrovic Seremetev, Ivan Ivanovic Caadaev, Protasij Ivanovic Nikiforov und Ivan Volkov nach ihrer Anreise aus Lemberg schließlich ihre Antrittsaudienz in Wien.24 Mit den Verhand­lungen betraute Kaiser Leopold I. eine Kommission. Ihr gehörten an: Hofkriegs­ratspräsident Hermann Markgraf von Baden-Baden, Hofkanzler Theodor Athlet Heinrich Graf von Strattmann, Reichsvizekanzler Leopold Wilhelm Graf von Kö­nigsegg, ein gewisser Baron Hörwarth und Zierowsky. Der letztgenannte war von den beteiligten kaiserlichen Beratern wohl zweifelsohne der kompetenteste für Ostfragen. Vor allem als ständiger Vertreter des Hauses Habsburg am polnischen Hof hatte er sich eine Schlüsselrolle als Ansprechpartner seiner Moskauer Kollegen sichern können. Seine Anwesenheit bei den Verhandlungen wurde nicht zuletzt zur Klärung formaler Fragen daher als unerlässlich befunden. Sebastian Glavini, mos­kaukundiger Anwärter auf das Bistum Senj und Modru, wurde ausschließlich als 22 Daran erinnern die Gesandten unter Seremetev, vgl. Pamjatniki 7 Sp. 3-4. 23 Golicyn an Zierowsky, Moskau 1686 Juni 11, Haus-, Hof- und Staatsarchiv [in Hinkunft: HHStA] Wien, Russland I, Kart. 14, 1686, fol. 79r-80v; Ivan V./Piotr I. an Leopold I., Moskau 1686 Septem­ber 12, lateinische Übersetzung, HHStA Wien, Russland I, Kart. 14, 1686, fol. 100; der katholische Ritus und die Jesuiten in Moskau wurden vor allem im Zusammenhang mit der Westöffnung des Moskauer Staates unter Golicyn behandelt, vgl. Hughes: Golitsyn. S. 36, 45; Smith: Golitsyn. S. 255; Sebes, Joseph: The Jesuits and the Sino-Russian Treaty of Nerchinsk (1689). The Diary of Thomas Pereira. Rome 1961 (=Bibliotheca Instituti Historici S. I. 18), S. 96-101, widmet sich den Bemühungen der Jesuiten, den Landweg von Europa nach China zu sichern. Es fällt auf, dass vor al­lem gegenüber den französischen Jesuiten große Skepsis in Moskau herrschte. 24 Zur Terminologie der kaiserlichen Ratsgremien unter Leopold I. siehe das Glossar bei S i e n e 11, Stefan: Die Geheime Konferenz unter Kaiser Leopold I. Personelle Strukturen und Methoden zur politischen Entscheidungsfindung am Wiener Hof. Frankfurt/Main 2001 (=Beiträge zur Neueren Geschichte Österreichs 17), S. 19-22. 48

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