Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 49. (2001) - Quellen zur Militärgeschichte – 200 Jahre Kriegsarchiv

EGGER, Rainer: Das Kriegsarchiv vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg

Rainer Egger schung dürfte es für Woinovich bedeutet haben als er bei der Mobilisierung 1914 kein Frontkommando erhielt; sondern am 31. Juli 1914 mit der Leitung der in Wien zurückbleibenden Generalstabsbüros betraut wurde. So konzentrierte er sich bis zu seiner Beurlaubung Ende 1915 weiterhin auf seine Aufgaben als Archivdirektor: die ersten schon erwähnten Maßnahmen zur Sicherung des Schriftgutes der operie­renden Armee und die Einleitung der historischen Darstellung des großen Krieges, eine wissenschaftliche Arbeit, die mehr als je zuvor nicht nur der Geschichtswis­senschaft und der Sammlung von militärischen Erfahrung dienen sollte sondern in weit höherem Maße, der Kriegspropaganda und der Förderung des Reichspatrio­tismus. Keine Schwierigkeiten gab es in der Frage der Nachfolge im Amt des Archivdi­rektors: Maximilian Ritter von Hoen (1867-1940) war 1896 als dem Generalstab zugeteilter Oberleutnant ins Archiv gekommen und hatte sich hier rasch eine wich­tige Position als Militärhistoriker erworben. Zahlreiche Publikationen des Archivs kamen unter seiner maßgeblichen Mitarbeit zu Stande.n Mit der Mobilisierung 1914 übernahm Hoen das Kommando des Kriegspresse­quartiers des Armee-Oberkommandos, dieses erfuhr unter seiner Leitung einen zügigen Ausbau zum Zentrum der Kriegspropaganda sowie der Beeinflussung der öffentlichen Meinung des Inlandes und des neutralen Auslandes.2" Natürlich erga­ben sich hier viele Berührungspunkte mit der Arbeit des Archivs bzw. dessen lite­rarischer Gruppe. Im Juli 1911 war Hoen zum Oberst vorgerückt, im März 1915 folgte seine Beförderung zum Generalmajor, als solcher übernahm er Ende De­zember 1915 die Leitung des Kriegsarchivs.19 20 21 19 Über Hoen liegt eine sehr gründlich gearbeitete Dissertation vor: Eimer, Alexandra: „Der Bo­hemien unter den Generälen“ Maximilian Ritter von Hoen (1867-1940). Ein Österreichischer Hi­storiker und Militärjoumalist. Diss. Wien 1992. - Zur österreichischen Militärgeschichtsschrei­bung vgl. neuerdings auch die gründliche Gesamtdarstellung von Broucek, Peter Peball, Kurt: Geschichte der österreichischen Militärhistoriographie. Köln-Weimar-Wien 2000. 20 Broucek, Peter: Das Kriegspressequartier und die literarischen Gruppen im Kriegsarchiv 1914- 1918. In: Österreich und der Große Krieg 1914-1918, hrsg. von Klaus Amann und Hubert Lengauer. Wien 1990, S. 132 -139 (mit weiteren Literaturangaben). 21 „am 27. Dezember 1915 funktionierte Hoen erstmals im Direktionszimmer'" wie er selbst in seiner Chronik (II, S. 55) vermerkte. Hoen blieb noch bis zum März 1917 in Personalunion mit seiner Tätigkeit als Archivdirektor Kommandant des Kriegspressequartiers, seine formelle Ernennung zum Kriegsarchivdirektor erfolgte am 15. März 1917, mit 10. März 1918 wurde er zum Feldmar- schalleutnant ernannt. - Von Maximilian von Hoen stammt eine Chronik des Kriegsarchivs für die Jahre 1914 bis 1924, eine bedeutende Quelle für die Geschichte des Archivs in dieser beweg­ten Zeit. Hoen verfasste den Text von Frühjahr 1921 bis Februar 1925, viele Beilagen - zum gro­ßen Teil Originalakten - ergänzen das eigenhändig geschriebene Manuskript (heute hinterlegt bei den Manuskripten zur Geschichte des Kriegsarchivs, Nr. 1 bis 7) vgl. dazu Peball.: Literarische Publikationen, S. 15 f. Bedingt durch Hoens zeitweise Doppelfunktion als Kommandant des Kriegspressequartiers und Direktor des Kriegsarchivs enthält dieses Manuskript auch viele Infor­mationen, die über die engere Geschichte des Kriegsarchivs hinausgehen und sich auf die gesamte publizistische Tätigkeit in der Armee beziehen. In der um Objektivität bemühten Darstellung ­18

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