Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)

AUER, Leopold: Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv und die Geschichtswissenschaft. Zum 250 jährigen Jubiläum seiner Gründung

Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv und die Geschichtswissenschaft Mit der Übernahme der Archive des 1806 aufgelösten Alten Reiches um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, wurde das Haus-, Hof- und Staatsarchiv tatsächlich zur wichtigsten Stätte für dessen Erforschung. Ranke hat zwar diese Bestände so gut wie nicht mehr benützt, seine einschlägigen Werke, etwa die Geschichte der Reformation, waren schon geschrieben, aber für die Bearbeiter der Deutschen Reichstagsakten wurden die Serien der Reichsarchive schon damals zu einem zen­tralen Quellenbestand, und sind es bis heute geblieben. Allerdings war die Einstel­lung der kleindeutsch-preußischen Geschichtsschreibung einer Beschäftigung mit dem Alten Reich nicht sehr forderlich. Für sie war das Reich zumindest seit dem Augsburger Religionsfrieden und dem Dreißigjährigen Krieg zum Untergang be­stimmt. Selbst einem der frühen Mitarbeiter an den Reichstagsakten, Heinrich von Sybel, hat man diese Haltung, allerdings von österreichischer Seite, verschiedent­lich vorgeworfen4*. Die Wiener Schule Heinrich von Srbiks mit ihrer großdeut­schen Geschichtsauffassung hat dann in der Zwischenkriegszeit einen Paradig­menwechsel vorbereitet, der nach dem Anschluss Österreichs allerdings gelegent­lich auch unter der Flagge der nationalsozialistischen Reichsideologie segelte48 49. Immerhin sind damals durch die Förderung Srbiks und Bittners mit der Geschichte der deutschen Reichshofkanzlei von Lothar Groß und dem Buch über den Reichs­hofrat von Oswald von Gschließer zwei auch heute noch grundlegende Werke zu zentralen Behörden des Alten Reiches erschienen, die ganz auf den reichen Bestän­den des Haus-, Hof- und Staatsarchivs beruhten50. Die Erschütterungen des Zweiten Weltkriegs haben dann endlich einer nicht von nationalen Gesichtspunkten bestimmten Geschichtsforschung und Geschichts­schreibung zum Durchbruch verholfen und damit auch die Möglichkeit geboten, das Alte Reich in seiner Eigenart und seinem Eigenwert zu erkennen. Dieses neue Bild vom Alten Reich ist untrennbar mit zwei großen Forscherpersönlichkeiten verbunden, die durch viele Jahre im Archiv am Minoritenplatz geforscht und des­sen Bestände zur Grundlage vieler ihrer Werke gemacht haben: Karl Otmar Frei­herr von Aretin und Volker Press. Aretin hat in den Fünfzigerjahren in langen Ar­chivaufenthalten in Wien, München und Merseburg seine Habilitationsarbeit über die letzten drei Jahrzehnte des Heiligen Römischen Reiches vorbereitet, die dann 1967 im Druck erschien51. Seine wissenschaftlichen Bemühungen um das Alte 48 B i ttn er: Gesamtinventar (wie Anm. 4), S. 185*f. 49 Vgl. dazu Fellner, Günter: Ludo Moritz Hartmann und die österreichische Geschichtswissen­schaft. Wien-Salzburg 1985, S. 346-350. 50 Groß, Lothar: Die Geschichte der deutschen Reichshofkanzlei von 1559 bis 1806. Wien 1933; von Gschließer, Oswald: Der Reichshofrat. Bedeutung und Verfassung, Schicksal und Be­setzung einer obersten Reichsbehörde von 1559 bis 1806. Wien 1942. 51 Aretin, Karl Otmar Freiherr von: Heiliges Römisches Reich 1776-1806. 2 Bde. Wiesbaden 1967. Zu Aretins Bedeutung für die Erforschung des Alten Reiches vgl. auch Deutschland und Europa in der Neuzeit. Festschrift für Karl Otmar Freiherr von Aretin zum 65. Ge­burtstag. Hrsg, von Ralph Melville [et al.]. Wiesbaden-Stuttgart 1988, S. XVI und XV111. 67

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