Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)

AUER, Leopold: Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv und die Geschichtswissenschaft. Zum 250 jährigen Jubiläum seiner Gründung

Leopold Auer Reich haben vor kurzem in einem dreibändigen monumentalen Werk einen krö­nenden Abschluss gefunden52 53, der seinem früh verstorbenen Kollegen Press leider nicht vergönnt war. Auch Press war ein häufig und gern gesehener Besucher im Lesesaal am Minoritenplatz. Sein Nachfolger auf dem Tübinger Lehrstuhl Anton Schindling schreibt in einer kürzlich erschienenen Aufsatzsammlung: Wien wurde in der zweiten Hälfte der Siebzigeijahre für Press neben Gießen zum zweiten Hauptort seiner wissenschaftlichen Betätigung. Die vorlesungsfreien Zeiten und Freisemester nutzte er fast regelmäßig, um im Haus-, Hof- und Staatsarchiv Akten­studien zur Geschichte des Alten Reiches zu betreiben". Ein Forschungsschwerpunkt, der sich aus den Beständen des Haus-, Hof- und Staatsarchivs ergibt und in Rankes erwähntem Brief an Heinrich Ritter angespro­chen wird, bleibt uns noch zu behandeln. Mit Joseph von Hammer-Purgstall hat Ranke 1827 im Archiv einen der Begründer der modernen Orientalistik und Osma- nistik kennen gelernt, für die der Minoritenplatz bis heute eine wichtige Arbeits­stätte darstellt. In weiterem Sinn soll Hammer hier aber als Vertreter der Forschun­gen zur außereuropäischen Geschichte im Haus-, Hof- und Staatsarchiv überhaupt verstanden werden. Dass die konfliktreichen Beziehungen der Habsburgermonar­chie zum Osmanischen Reich ihren Niederschlag in umfangreichem Archivmaterial gefunden haben, und dieses wiederum der einschlägigen Forschung entsprechende Anregungen vermittelt, ist leicht einzusehen. Mein Kollege Emst Petritsch hat erst kürzlich bei einer in Wien veranstalteten Tagung einen Überblick über diese For­schungen gegeben, die neben seinem eigenen durch Namen wie Anton von Gevay, Ludwig Fekete, Anton C. Schaendlinger oder Claudia Römer illustriert werden können54. Mit dem Osmanischen Reich traten automatisch auch Persien und später die östliche Mittelmeerküste in den Blickpunkt der österreichischen Politik. Auf diese Weise etwa kann das im Haus-, Hof- und Staatsarchiv verwahrte Material zur Geschichte Palästinas im 19. Jahrhundert durchaus mit jenem in englischen und französischen Archiven konkurrieren und wird auch dementsprechend von der heutigen israelischen Forschung herangezogen55. Nicht ganz so reichhaltig sind die 52 A ret i n , Karl Otmar Freiherr von: Das Alte Reich 1648-1806,3 Bde, Stuttgart 1993-1997. 53 Brend 1 e, Franz - Schindling, Anton: Volker Press (1939-1993). Ständeforscher und Histo­riker des Adels im Alten Reich. In: Press, Volker: Adel im Alten Reich. Tübingen 1998, S. 16. 54 Gevay, Anton von: Urkunden und Aktenstücke zur Geschichte der Verhältnisse zwischen Österreich-Ungarn und der Pforte. 3 Bde. Wien 1838-1842; Fekete, Ludwig: Einführung in die osmanisch-türkische Diplomatik. Budapest 1926; Schaendlinger, Anton C. - Römer, Claudia: Die Schreiben Süleymans des Prächtigen an Karl V., Ferdinand I. und Maximilian 11. Wien 1983; Petritsch, Emst Dieter: Regesten der osmanischen Dokumente im Österreichi­schen Staatsarchiv Bd. 1.: 1480-1574. Wien 1991 (MÖStA, Ergänzungsband 10/1). 55 Vgl. etwa Carmel, Alex: Documentary Material in Austrian and German Archives relating to Palestine during the Period of Ottoman Ruel. In: Studies on Palestine during the Ottoman Period. Jerusalem 1975, S. 568-577; Eliav, Mordechai: Das österreichische Konsulat in Jerusalem und die jüdische Bevölkerung. In: Studia Judaica Austriaca 10 (1984), S. 31-72; Derselbe: Under Imperial Austrian Protection. Selected Documents from the Archives of the Austrian Consulate in 68

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