Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)

AUER, Leopold: Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv und die Geschichtswissenschaft. Zum 250 jährigen Jubiläum seiner Gründung

Leopold Auer derer Bewilligung möglich, wie sie etwa Heinrich Friedjung, Hans Schiitter und Eduard von Wertheimer für ihre Forschungen über Felix Schwarzenberg und Julius Andrássy erteilt wurde45. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie wurde das Grenzjahr auf 1894 vorgeschoben und damit eine Riesenmenge bisher unzugängli­cher Akten für die Forschung verfügbar. Die Veröffentlichung der Geheimverträge Österreich-Ungams durch den schon mehrfach erwähnten Alfred Francis Pribram machte die internationale Forschung auf diese außergewöhnlichen Arbeitsbedin­gungen aufmerksam, denn im Gegensatz dazu blieben die Archive der Entente­staaten für Forschungen zum Zeitalter des Imperialismus damals noch fest ver­schlossen. So kamen in den ersten Nachkriegsjahren bald zahlreiche ausländische Forscher wie die Amerikaner Archibald Cary Coolidge und William Langer oder die Briten George Peabody Gooch und der geistreiche, wenn auch umstrittene A.J.P. Taylor nach Wien. Während des Tages arbeiteten sie im Archiv am Minori- tenplatz, abends waren viele von ihnen häufige Gäste in Pribrams Döblinger Villa. William Langer, der viele Jahre später zum Internationalen Historikertag nochmals nach Wien kam, hat die Arbeitsbedingungen und die Atmosphäre jener Zeit in seinen Memoiren anschaulich festgehalten46. Meine sehr geehrten Damen und Herren, lassen Sie mich nochmals zu Rankes erwähntem Brief und seinem ersten Wiener Archivaufenthalt im Winter 1827 zu­rückkehren. Dieser erste Aufenthalt war zugleich der längste; er kam dann bis 1870 mehrmals wieder, hat sich auch zwischendurch und nachher mit Anfragen an das Archiv gewandt. 1863 wurde ihm die Bewilligung für die Benützung der Korre­spondenz zwischen Kaunitz und dem österreichischen Gesandten in Paris aus den Jahren 1756/57 verweigert. Zu diesem Zeitpunkt lag die Benützergrenze ja noch bei 1740, und vielleicht war man gegenüber einem Professor der Universität Ber­lin, auch wenn er Ranke hieß, überhaupt misstrauisch. Aber 1868 wurde Ranke von dem neuen Direktor Ameth mit allem Entgegenkommen behandelt und konnte auch die fünf Jahre zuvor verwehrten Akten einsehen. Damals hat er das Haus-, Hof- und Staatsarchiv als das für die deutsche Historie wichtigste Archiv bezeich­net, ein Ausspruch, der, wie man sieht, im Archiv bis heute gern zitiert wird47. Was Ranke mit dem Ausdruck deutsche Historie meinte, ist die Geschichte des Alten Reiches. Er spricht damit einen ganz wichtigen Schwerpunkt in der Beziehung des Haus-, Hof- und Staatsarchivs zur Geschichtswissenschaft an. 45 Vgl. Bittner: Gesamtinventar (wie Anm. 4), S. 172* f. und 187* f. 46 Langer, Wiliam: ln and Out of the Ivory Tower. New York 1977. Ich verdanke die Kenntnis dieser lesenswerten Autobiographie Ronald E. Coons, der selbst zu den wichtigen Mittlern zwi­schen amerikanischer und österreichischer Forschung zur Geschichte der Habsburgermonarchie zählt. Vgl. auch Engel-Janosi: ... aber ein stolzer Bettler (wie Anm. 30), S. 78 f. 47 Bittner: Gesamtinventar (wie Anm. 4), S. 183*f. Der erwähnte Brief Rankes vom 11. August 1868 war jahrelang in der Ausstellung des Haus-, Hof- und Staatsarchivs zu sehen. Vgl. Österreichische und europäische Geschichte in Dokumenten des Haus-, Hof- und S t a a t s arc h i v s . Wien 1965, S. 100, Nr. 307. 66

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