Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)

AUER, Leopold: Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv und die Geschichtswissenschaft. Zum 250 jährigen Jubiläum seiner Gründung

Leopold Auer Tag und davor war die Zahl noch geringer16 17 18. Archivare und Forscher saßen mitein­ander in einem Raum im Reichskanzleitrakt der Hofburg, wo das Archiv damals untergebracht war. Wie eine Biedermeier-Idylle wirkt die briefliche Schilderung Leopolds von Ranke von einem Besuch des Haus-, Hof- und Staatsarchivs im Winter 1827: Nach drei Uhr begebe ich mich nach dem Archiv. Hier arbeitet noch Hammer (an den osmanischen Sachen) und ein Herr von Buchholtz, der eine Geschichte Ferdinands I. schreiben will. Es ist eine völlige Kanzlei: man findet Federn, Federmesser, Papiersche­re usw. vorbereitet, hat seinen umzäunten Platz. Gewöhnlich wird es bald etwas dunkel, und ein angenehmer Augenblick ist mir, wenn der Vorsteher ruft: „a Liecht“, worauf der Diener für jeden, der da arbeitet, deren zwei bringt11. Die von Ranke so hübsch geschilderte Szene dokumentiert mit ihren Hauptakteu­ren - Hammer, Buchholtz und Ranke selbst - zugleich höchst sinnfällig drei we­sentliche Forschungsschwerpunkte, die sich aus den Beständen des Haus-, Hof- und Staatsarchivs ergeben: Geschichte Österreichs bzw. der Habsburgermonarchie, Geschichte des Heiligen Römischen Reiches und - am Beispiel des Osmanischen Reiches - außereuropäische Geschichte. Dass das Archiv die Grundlage für die Geschichte der Habsburger und ihrer Territorien darstellt, ergibt sich bereits aus den Intentionen seiner Gründung. In- und ausländische Historiker haben auf die­sem Gebiet, man kann fast sagen, unaufhörlich geforscht, und noch immer sind die dazu vorhandenen Quellen bei weitem nicht ausgeschöpft. Namen wie Friedrich Hurter oder Anton Gindely, nach dem ein Preis für Arbeiten zur Geschichte der Habsburgermonarchie benannt wurde, belegen diese Tätigkeit für das vorige Jahr­hundert. Von Alfred von Ameth war schon die Rede. Hanns Schiitter war wie Ar- neth ein hervorragender Kenner der Zeit Maria Theresias, Oskar von Mitis hat neben Arbeiten zum babenbergischen Österreich nach dem Ende der Monarchie eine noch heute nützliche Biographie des Kronprinzen Rudolf verfasst1*. Starken Auftrieb erhielten die Forschungen zur Geschichte der Habsburgermon­archie noch in den letzten Jahrzehnten der Monarchie durch die vom staatspoliti­schen Interesse motivierte Förderung der Gesamtstaatsidee, wie sie in der Einfüh­rung des Faches „Österreichische Reichsgeschichte“ an den Universitäten und in der 1900 erfolgten Gründung der „Kommission für Neuere Geschichte Österreichs“ zum Ausdruck kommt. Zu den ersten Projekten, die auf dem Programm der neu gegründeten Kommission standen, gehörten die aktenmäßige Darstellung der öster­reichischen Zentralverwaltung und die Herausgabe der österreichischen Staatsver­16 Weinzierl: Haus-, Hof- und Staatsarchiv (wie Anm. 7), S. 264, Anm. 104. 17 Zitiert bei B i tt ne r : Gesamtinventar (wie Anm. 4) S. 183* und neuerdings bei Grafton : Tragi­sche Ursprünge (wie Anm, 15) S. 49. Der erwähnte Vorsteher war Joseph Knechtl, der sich im Übrigen über die Benützungsbewilligung, die Ranke von der Staatskanzlei erhalten hatte, gar nicht freute. 18 Mitis, Oskar von: Das Leben des Kronprinzen Rudolf. Hrsg, von Adam Wandruszka, Wien- München 1971. 58

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