Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)

AUER, Leopold: Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv und die Geschichtswissenschaft. Zum 250 jährigen Jubiläum seiner Gründung

Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv und die Geschichtswissenschaft träge und der österreichischen Herrscherkorrespondenzen19. Österreich wurde dabei jeweils als Synonym für den Gesamtbereich der Habsburgermonarchie de facto unter Einschluss Ungarns verstanden. Vor allem die beiden letzten Projekte, die noch immer auf dem Programm der Kommission stehen, stützten sich zum über­wiegenden Teil auf Material des Haus-, Hof- und Staatsarchivs; deren Bearbeiter wie Wilhelm Bauer, Alfred Francis Pribram oder Heinrich von Srbik waren dem­entsprechend häufige Besucher des Archivs, das seit der Jahrhundertwende in jenen Neubau am Minoritenplatz übersiedelt war, in dem es sich noch heute befindet. Auch dieser Neubau feiert somit heuer ein rundes Jubiläum. Trotz des eben Gesagten gilt auch für die Erforschung der Geschichte der Habs­burgermonarchie, dass die Eule der Minerva erst in der Dämmerung ihren Flug antritt. Im Gefolge des Zusammenbruchs Österreich-Ungams setzte nicht nur eine nostalgische Verklärung der alten Monarchie ein - selbstverständlich parallel zu einer gleichermaßen emotionalen Kritik und Verurteilung -, sondern es lässt sich auch ein verstärktes Bemühen um die weitere wissenschaftliche Aufarbeitung der Vergangenheit feststellen. Beispiele für ein solches Bemühen waren etwa die Her­ausgabe des Handbuchs der Geschichte Österreich-Ungams durch Karl und Ma­thilde Uhlirz20 oder die beiden die Huber’sche Geschichte Österreichs fortsetzenden Bände aus der Feder von Oswald Redlich21. Redlich, 1918/19 übrigens einige Mo­nate an der Spitze des Haus-, Hof- und Staatsarchivs, konnte dafür auch einige eigene Archivstudien verwerten. Schon in diesen ersten Jahren nach Ende des Weltkriegs beginnt sich auch jene Intemationalisierung in der Erforschung der Habsburgermonarchie abzuzeichnen, wie sie sich dann vor allem im angelsächsischen Raum - nicht zuletzt unter dem Einfluss österreichischer Emigranten - während und nach dem Zweiten Weltkrieg durchsetzte. Vor allem Alfred Francis Pribram, Friedrich Engel-Janosi und Robert Kann gehörten zu den Gelehrten österreichischer Herkunft, die österreichische Geschichte im angelsächsischen Raum diesseits und jenseits des Atlantiks populär gemacht haben, wobei Kanns „Multinational Empire“ wohl eine besondere Rolle 19 Vgl. Auer, Leopold: Die Schriftquellen der Geschichte Österreichs, ln: Mitteilungen des Insti­tuts für österreichische Geschichtsforschung [in Hinkunft: MIÖG] 97 (1989), S. 13-51, hier S. 46 f. 20 Uhlirz, Karl und Mathilde: Handbuch der Geschichte Österreichs und seiner Nebenländer Böhmen und Ungarn. 4 Bde, Graz 1927-1944. Vom ersten Band erschien 1963 eine Neubearbei­tung durch Mathilde Uhlirz. 21 Redlich, Oswald: Geschichte Österreichs. Bd. 6: Österreichs Großmachtbildung in der Zeit Kaiser Leopolds L, Gotha 1921 und derselbe: Das Werden einer Großmacht, Baden bei Wien- Leipzig 1938. Den Titel „Weltmacht des Barock“ erhielt der 6. Band der Geschichte Österreichs übrigens erst 1961, lang nach dem Tod Redlichs; vgl. dazu die Bemerkung von Hans Schmidt in einer Rezension in: Historisches Jahrbuch 102 (1982), S. 489. 59

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