Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)

TELESKO, Werner: Die Seitenbilder der Marienkirche in Sulz im Wienerwald. Ein Beitrag zur Frömmigkeitsgeschichte im maria-theresianischen Zeitalter

Die Seitenaltarbilder der Marienkirche in Sulz im Wienerwald rocke Heiligenikonographie wie etwa die Integration des Heiligen in eine Land­schaft. Verbindungslinien lassen sich von dieser Miniatur zum Laxenburger Ge­mälde der Theresia von Avila ziehen, in dem ebenfalls die Büßerfunktion der Hei­ligen, ausgezeichnet durch die Attribute Geißelschnur und Totenkopf, eine bedeu­tende Rolle einnimmt. Die „Verkleidung“ als Büßer tritt auch in Gemälden auf, die sich im Konvent der Elisabethinen in Klagenfurt105 befinden (Abb. 5). Sie stammen aus dem Nachlass der Erzherzogin Marianne, aus dem sich eine große Zahl von Familienbildem erhalten hat. Drei Gemälde zeigen ihre Geschwister in Ordensklei­dung und mit manueller Arbeit (Holz hackend und Gemüse schneidend) beschäf­tigt. Das monastisch-sakrale Identifikationsporträt dürfte also - nach den überlie­ferten Werken zu schließen - im Bereich des Kaiserhauses größere Bedeutung gewonnen haben. Auffallend in der Terminologie Franz Stephans sind die Vermeidung des Wortes „katholisch“ und der Verzicht auf die Erwähnung des Alten und Neuen Testamen­tes, Christi, Marias und der Heiligen. Nur die Hervorhebung der Heiligen Drei Könige stellt in dieser Hinsicht eine Ausnahme dar106. Die typischen Merkmale der kaiserlichen „Pietas Austriaca“ fehlen im Gedankengut Franz Stephans, weiters auch sein Bekenntnis zur öffentlich-repräsentativen Funktion der staatstragenden katholischen Religion107. Franz Stephans Gesinnung steht deutlich der „katholischen Aufklärung“ Muratoris nahe. In der ernsten Morallehre und in der rigiden Praxis des Sakramentenempfangs finden sich auch Berührungspunkte mit dem Spätjansenismus108. Obwohl Franz Stephan als Freund und Beschützer der Jansenisten gelten kann, wäre es falsch, ihn als Anhänger des Jansenismus im ei­gentlichen theologischen Sinn zu bezeichnen109. Der Verzicht auf eine Erwähnung der Heiligen bei Franz Stephan ist umso be­deutender, als sich in dem Gebetbuch, das Erzherzogin Marie Christine von ihrer Mutter erbte, folgende handschriftliche Notiz der Kaiserin findet: Der Witwenstand ist eine Buß, eine Zubereitung zum Tod. soll 4 Hauptpuncten in sich enthalten I. öftere genießung deren heiligen Sakramente, 2. gewisse maß der mündlich- und innerlichen gebeter, 3. Lesung öftere geistlicher Bücher, 4. Übung, werk um 1670/1675); Katalog: Ostarrichi - Österreich, Menschen-Mythen-Meilensteine, österreichi­sche Länderausstellung, hrsg. von Emst Bruckmüller, Peter Urbanitsch. Horn 1996, S. 309, Nr. 10.4.08 (Maria Theresia als hl. Barbara, Gemälde von Sobotic Moses, 1775). 105 Katalog: Maria Theresia und ihre Zeit, S. 209, Nr. 34.05; Katalog: Schatzhaus Kärntens, Landesausstellung St. Paul 1991, 900 Jahre Benediktinerstift. Bd. 1-2. Klagenfurt 1991, Bd. 1, S. 274 f., Nr. 15.7 (mit Literatur). 106 Wandruszka: Religiosität, S. 169. 107 Wan druszka : Religiosität, S. 169 f. 108 Ebenda, S. 171. 109 Wandruszka: Geheimprotestantismus, S. 98. 397

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