Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)
TELESKO, Werner: Die Seitenbilder der Marienkirche in Sulz im Wienerwald. Ein Beitrag zur Frömmigkeitsgeschichte im maria-theresianischen Zeitalter
Wemer Telesko ratoris Schrift durch Kardinal Erzbischof Christoph Graf Migazzi (1714-1803), den Herausgeber der deutschen Ausgabe des Jahres 1759, dazu angetan, die Abneigung Maria Theresias gegenüber den jesuitischen Beichtvätern zu verstärken96. Das Hofdekret von 1759 ist ein deutliches Zeichen für die zunehmende Unzufriedenheit Maria Theresias mit den jesuitischen Hofbeichtvätem97. Die von der Kurie mit Sorge betrachtete Ernennung Müllers und die Entsetzung der Jesuiten von den Lehrkanzeln des Kirchenrechts an allen österreichischen Universitäten sind Symptome einer weiteren Verschärfung der Lage und einer zunehmenden antijesuitischen Gesinnung98. Neben Maria Theresia füngierte ihr Gemahl Franz I. Stephan von Lothringen als Vermittler jansenistischer Ideen. In seiner Abhandlung „Instruction pour mes en- fants tant pour la vie spirituelle que la temporelle“ (1752), die abschriftlich allen seinen Kindern übersandt wurde99, beschäftigte sich Franz Stephan mit der Erlangung ewiger Seligkeit, die allein im Jenseits zu finden sei100. Die beiden anderen Abhandlungen, „L’Hermite dans le Monde“ und „Reflexions chrétiennes et courtes prieres“ sind undatiert, können aber mit großer Wahrscheinlichkeit in die letzten Lebensjahre des Kaisers gesetzt werden101. Zentraler Bestandteil der Überlegungen Franz Stephans ist die Bedeutung des Gedankens an den eigenen Tod, der - ähnlich wie bei Maria Theresia102 - Gegenstand der Betrachtungen in den Gewissenserforschungen der „Reflexions“ war103. Konkreten künstlerischen Ausdruck fand die Identifikation Franz Stephans als jenseitsgewendeter Mensch in einer - ihm selbst zugeschriebenen - Miniatur (Wien, Hofburg, Präsidentschaftskanzlei), in der er in Anwendung des Typus des „sakralen Identifikationsporträts“ im Kapuzinerhabit mit Kreuz, Geißelschnur und Totenkopf im Demutsgestus als Büßer dargestellt ist104 (Abb. 4). Unübersehbar sind in dieser Miniatur die Anspielungen auf die ba96 Hersche: Spätjansenismus, S. 137. 97 Ebenda, S. 154. 98 Ebenda; Ortner, Marie-Therese: Die Jesuiten in ihrer Bedeutung für das österreichische Bildungswesen vor und nach der Aufhebung des Ordens im Jahre 1773. Dipl. Wien 1994, S. 36 f. " W an druszka : Religiosität, S. 164. 100 Ebenda. 101 Ebenda. 102 Walter: Stellung, S. 35 f.; vgl. das Gebetbuch, das Erzherzogin Marie Christine von ihrer Mutter erbte: „Zubereitung zum Tod“, zitiert nach: Eben da, S. 38. 103 W andru szka : Religiosität, S. 166-168. 104 Mraz-Mraz: Maria Theresia, S. 156, 350; Keil, Robert: Die Porträtminiaturen des Hauses Habsburg. Wien 1999, S. 54, Nr. 63; Katalog: Lothringens Erbe, hrsg. renate Zedinger, St. Pölten 2000, 296, Nr. 12.25.2 (mit Abb.); zum „sakralen Identifikationsporträt“: Polleross, Friedrich B.: Das sakrale Identifikationsporträt. Ein höfischer Bildtypus vom 13. bis zum 20. Jahrhundert. Bd. 1-2. Worms/R. 1988 (Manuskripte zur Kunstwissenschaft 18), Bd. 1, S. 329-333, Nr. 546; Abb. 160 (Maria Teresa von Österreich, Gemahlin König Ludwigs XIV. von Frankreich, als hl. Helena, Gemälde von Charles [1604-1692] und Henri [1603-1677] Beaubrun, 396