Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)
TELESKO, Werner: Die Seitenbilder der Marienkirche in Sulz im Wienerwald. Ein Beitrag zur Frömmigkeitsgeschichte im maria-theresianischen Zeitalter
Die Seitenaltarbilder der Marienkirche in Sulz im Wienerwald Die Datierung des Gebetbuches mit französischen und lateinischen Texten kann auf Grund der Nennung der Söhne Joseph, Karl und Leopold präzise zwischen 1747 (Nennung des 1747 geborenen Erzherzogs Leopold, Kaiser von 1790-1792) und 1754 (Geburtsjahr des im Text noch nicht genannten Ferdinand) eingegrenzt werden. Die Gestaltung, welche sich zwar grundsätzlich am barocken Brevier orientiert, jedoch auf eine reichere Ikonographie verzichtet, vermeidet im Wesentlichen die Darstellung von Heiligen (Ausnahme: fol. 52r, Darstellung des Hieronymus, vor dem Gebet zur Sext) und konzentriert sich auf eine in gewissem Sinne frühaufklärerische Bildsprache, die ihren besonderen Akzent in der Betonung der Lichtmetaphorik erhält (z. B. Sakramentslitanei auf fol. 23r: Lamm und Kreuz auf dem Altar, darüber Sonne)42. Der Verzicht auf figurale Darstellungen zu Gunsten von symbolisch-allegorischen Illustrationen drückt sich besonders in der Zeichnung zum Fest „Verkündigung an Maria“ aus, in der die Liliensymbolik die übliche Verkündigungsdarstellung ersetzt. Die Mitglieder der kaiserlichen Familie auf dem Franz Xaver-Gemälde in der Pfarrkirche von Sulz können zum Teil durch zeitgenössische Porträts der kaiserlichen Familie identifiziert werden: Rechts hinten ist Maria Theresia dargestellt, als Zweite von rechts wahrscheinlich Maria Amalia (1746-1804, 1769 mit Herzog Ferdinand II. von Bourbon-Parma verheiratet)43 und rechts vorne als jüngste Maria Antonia, genannt Marie Antoinette (1755-1793, 1770 mit dem späteren [1774] König Ludwig XVI. von Frankreich vermählt). Die direkt vor dem Heiligen stehende Person kann als Ferdinand (1754-1806, später Gouverneur und Generalkapitän der Lombardei) bezeichnet werden. Peter Leopold (1747-1792, von 1765 bis 1790 Regent der Toskana, 1790-1792 römisch-deutscher Kaiser) lässt sich als jene Figur bestimmen, der Joseph (links außen, 1741-1790, ab 1765 Mitregent seiner Mutter, 1780-1790 als Joseph II. Alleinherrscher) die rechte Hand auf die Schulter legt. Auf Grund des Vergleichs der Geburtsdaten und des Alters der sicher Identifizierten ist eine Entstehung des Gemäldes kurz vor 1760 - im Zeitraum 1758/1760 - als wahrscheinlich anzusehen. Die Stichhaltigkeit dieser Datierung wird in anderem Zusammenhang weiter unten nochmals zu überprüfen sein. In beiden Gemälden in der Pfarrkirche von Sulz ist die betont appellative Funktion des Bildes unverkennbar. Beide Heilige wenden sich zur kaiserlichen Familie und zum Gläubigen. Der hl. Franz Xaver wirkt sogar explizit unterweisend. Diese 42 Vgl. Joseph Winterhalters Fresken in der Bibliothek des Prämonstratenserklosters Geras (NÖ.) aus dem Jahr 1805: Antike Priesterinnen beim Opferdienst und Opfer von Kain und Abel: Möse- neder, Karl: Franz Anton Maulbertsch. Aufklärung in der barocken Deckenmalerei. Wien- Köln-Weimar 1993 (Ars viva 2), S. 164 f., Abb. 57, 58. 43 Grundsätzlich: Mraz - Mraz: Maria Theresia, S. 209; Katalog: Maria Theresia und ihre Zeit, S. 210; Katalog: Österreich zur Zeit Kaiser Josephs II., S. 617-629, Nr. 1321-1369; Schütz, Karl: Bildnisse der Enkelkinder Kaiserin Maria Theresias. In: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 40 (1987), S. 321-329, 415-418 (Abb.); Weißensteiner, Friedrich: Die Töchter Maria Theresias. Wien 1994. 389