Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)
TELESKO, Werner: Die Seitenbilder der Marienkirche in Sulz im Wienerwald. Ein Beitrag zur Frömmigkeitsgeschichte im maria-theresianischen Zeitalter
Werner Telesko neue Art der Frömmigkeit muss mit den komplexen religiösen Bestrebungen unter Franz I. Stephan und Maria Theresia zusammengesehen werden. 4. Die religiösen Strömungen in der Zeit Maria Theresias Unter der Regentschaft Maria Theresias lassen sich verschiedene Frömmigkeitsströmungen nachweisen. So etwa entstand durch die Einführung der „ewigen Anbetung“ eine neue Verehrung des Allerheiligsten44. Dieser Praxis war jedoch nur ein kurzes Dasein beschieden. Bereits Joseph II. duldete es, dass die von seiner Mutter eingeführte Andacht unter die Nebenandachten gezählt und damit verboten wurde4S. Eine wesentliche Motivation der Kaiserin war es, dass jeder Staatsbeamte seine religiösen Pflichten zu erfüllen hatte und dass die katholische Religion gegenüber den Protestanten gefordert wurde46. Es lag ihr weniger daran, Protestanten zu bekehren, als sie vielmehr an einer effektiven Propaganda zu hindern47. Reinhardt48 und Wandruszka49 haben das vitale Bestreben Maria Theresias, die Glaubenseinheit in den Erbländem zu bewahren, deutlich betont. Dem Geheimprotestantismus in den deutschen Erblanden, in Kärnten, Steiermark, Ober- und Niederösterreich, aber auch in Böhmen und Mähren versuchte sie vor allem mit Hilfe einer Verbesserung der ordentlichen Seelsorge und dem Projekt einer neuen Pfarreinteilung, die später in radikalerer Form von Joseph II. durchgeführt werden sollte, zu begegnen50. Maria Theresia wandte sich der Neuorganisation der ordentlichen Seelsorge auch deshalb zu, weil ihr bewusst wurde, dass die traditionellen Mittel zur Bekämpfung des Geheimprotestantismus wie Auswanderung und Volksmission durch die Jesuiten nicht zu einem dauerhaften Erfolg führen konnten51. Die Missio44 Holterweger: Reform, S. 81 f. 45 Ebenda, S. 84. 46 Ebenda, S. 85; grundsätzlich: Kovács, Elisabeth: Kirchliches Zeremoniell am Wiener Hof des 18. Jahrhunderts im Wandel von Mentalität und Gesellschaft. In: Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 32 (1979), S. 109-142, hier S. 128-133. 47 Hantsch, Hugo: Die Geschichte Österreichs. Bd. 1-2. Graz-Wien-Köln 2. Aufl. 1953, Bd. 2, S. 171. 48 Reinhardt, Rudolf: Zur Kirchenreform in Österreich unter Maria Theresia. In: Zeitschrift für Kirchengeschichte 4. F. 77 (1966), S. 105-119. 49 Wandruszka, Adam: Maria Theresia und der österreichische Staatsgedanke. In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 76 (1968), S. 174-188, hier S. 182; Derselbe, Maria Theresia - Die große Kaiserin. Göttingen-Zürich-Frankfurt 1980, S. 60. 50 Reinhardt: Kirchenreform, S. 108; Wandruszka, Adam: Geheimprotestantismus, Josephinismus und Volksliturgie in Österreich. In: Zeitschrift für Kirchengeschichte 4. F. 78 (1967), S. 94-101, hier S. 96; Wandruszka: Staatsgedanke, S. 183; Wandruszka: Maria Theresia- Die große Kaiserin, S. 60-62. 51 Wandruszka: Geheimprotestantismus, S. 96 f.; Hersche, Peter: Der Spätjansenismus in Österreich. Wien 1977 (Österreichische Akademie der Wissenschaften, Veröffentlichungen der Kommission für Geschichte Österreichs 7; Schriften des DDr. Franz Josef Mayer-Gunthof-Fonds 11), S. 357. Im Jahr 1771 forderte Maria Theresia Kardinal Leopold Emst von Firmian in Passau 390