Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)

PASETZKY, Gilda: Zwei Wiener Jakobiner und ihre Reise nach Frankreich

Zwei Wiener Jakobiner und ihre Reise nach Frankreich Die folgende Episode zeigt uns jedoch, dass jene keineswegs die Revolutionäre waren, zu denen man sie dann machte: Am 28. April 1794 erreichten Held und Denkmann Basel. Dort lernten sie einen Mann kennen, dem sie - laut dessen Angaben - erzählten, sie seien Mitglieder einer geheimen Wiener Organisation, deren Ziel es wäre, in Österreich eine Revo­lution vorzubereiten. Nun seien sie auf dem Weg nach Paris, um den Nationalkon­vent, der sich an ihrem Vorhaben interessiert zeigte, um finanzielle Unterstützung zu bitten. Ihr aufmerksamer Zuhörer erwies sich aber als Geheimagent und erstattete - al­lerdings erst einen Monat später - dem österreichischen Geschäftsträger in Basel Bericht über seine Spitzeltätigkeit.29 Doch dieser, Baron Tassara, erklärte in einem Brief an den österreichischen Außenminister, dass er nicht daran denke, die Sache weiterzuverfolgen, da er dieser Geschichte keinen Glauben schenke. Denn, so meinte er, wenn diese beiden Männer wirklich ein Wiener Complot zur Absicht gehabt hätten, sie solches gewiß keinem, ihnen vor­her ganz unbekanntem Mann anvertraut haben würden.30 Auch der Historiker muss sich hier fragen, warum sich die beiden Reisenden auf eine (zumindest auf den ersten Blick) so unvorsichtige und unverständliche Weise verhalten haben. Die Antwort darauf wurde schon zu einem Teil von Tassara selbst gegeben: das sind keine wirklichen Verschwörer. Was bewog sie aber dann zu diesem gefährlichen Spiel? Naivität und revolutionäre Begeisterung? Oder gab es vielleicht doch einen anderen Grund für ihr scheinbar unerklärliches Verhalten? Zieht man das zuvor Dargelegte in Betracht, muss man antworten: Ja, es gibt die­sen Grund, und er hat seinen Ursprung in der schon zuvor dargelegten „revolutionären Drohung“. Indem sie überall von einer angeblich bevorstehenden Revolution sprachen, hofften sie, die Herrscher so sehr zu beeindrucken, dass diese endlich einen Wan­del in ihrer ( Kriegs-) Politik vornehmen würden. Diese Annahme wird dadurch bestätigt, dass es den beiden Reisenden nicht unbekannt war, dass sie von Spionen überwacht wurden.31 Das würde also bedeuten, dass sie all dies absichtlich erzähl­ten, da die Tatsache, von Spitzeln umgeben zu sein, ihrem Plan nur förderlich sein konnte: Denn deren Berichte wären wohl der schnellste Weg gewesen, den Herrschern die „revolutionäre Drohung“ zukommen zu lassen. (Zwei Jahre zuvor hatte Andre­as Riedel eine ähnliche Aktion unternommen: Er verschickte einen „Aufruf an alle 29 Johann Urech an Tassara, 29. Mai 1794, HFlStA Staatenabteilung Schweiz, Berichte, Ktn. 169, fol. 181, zitiert nach W angermann: Joseph, 2. Aufl. 1969 (siehe Anm. 2), S. 151. 30 Tassara an Thugut, Basel, 29 Mai 1794, ebenda, fol. 178. 31 Held et Denkmann aux Citoyens Répresentans, Maison de Santé, le 20 Thermidor an 11 [7.8.1794], AN, AF II, 57, pl. 415, piéce 28, siehe Anm. 25. 355

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