Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)
PASETZKY, Gilda: Zwei Wiener Jakobiner und ihre Reise nach Frankreich
Gilda Pasetzky Doch um die Herrscher von der Notwendigkeit zu überzeugen, Reformen durch- zufuhren und den Krieg zu beenden, erinnerte man an das Beispiel der Französischen Revolution und appellierte an die Angst der Fürsten um ihren Thron. Nur ein politischer Kurswechsel könne eine „Deutsche Revolution“ verhindern - so der Rat und die Drohung der österreichischen und deutschen Jakobiner. Auf diese Weise beschworen sie die Gefahr einer Revolution herauf, an welche sie selbst meist gar nicht glaubten. Auch unter den Wiener Jakobinern war man über die Möglichkeit einer Revolution geteilter Ansicht;15 trotzdem verfolgten alle die Strategie der „revolutionären Drohung“ - das heißt, man machte sich daran, eine revolutionäre Gefahr zu „inszenieren“.16 Doch diese Taktik lieferte der Polizei den willkommenen Vorwand, zum Schlag gegen die Opposition auszuholen. Nur wenn man diese Tatsachen berücksichtigt, kann man den Intentionen der österreichischen Patrioten gerecht werden und ihre Vorgangsweise erklären. Ansonsten wird daraus - wie schon geschehen und bis heute üblich - entweder die tragische Geschichte einiger naiver Träumer oder ein Komplott von Hochverrätern, dem die Polizei im letzten Moment ein Ende setzte und so Kaiser und Reich gerade noch rettete.17 Als Ende 1793 die militärische Situation für Frankreich vorübergehend kritisch war, hatte Hebenstreit die Idee, eine Kriegsmaschine zu entwerfen, die den griechischen chevaux de frise ähnelte.18 Diese, so waren er und seine Freunde überzeugt, könnte einen wichtigen Beitrag im Kampf der Infanterie gegen die Kavallerie leisten. Doch Hebenstreit wollte seine Erfindung nicht in den Händen eines Staates wissen, dessen Volk noch unterdrückt war. Denn, so erklärte er später, diese wäre von jedem Bauern leicht nachzubauen (einen kleinen Wagen und Sicheln hatte jeder bei 15 Wangermann: Joseph, 2. Aufl.1969 (siehe Anm. 2), S. 143 f. 16 Österreichisches Staatsarchiv Wien, Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Vertrauliche Akten [in Hinkunft: HHStA, VA] 8 (alt 7-8), Faszikel : Verhörsprotokoll Riedels, Fol. 81 f., siehe Anhang 1; Wangermann: Joseph, 2. Aufl.1969 (siehe Anm. 2), S. 117 und 121; Derselbe: Österreichische Aufklärung und Französische Revolution (siehe Anm. 13), S. 188; Derselbe: Josephiner, Leopoldiner und Jakobiner (siehe Anm. 13), S. 237 f. 17 z.B.: Silagi (siehe Anm. 2), S. 162 f., 177-183, 192 und Bemard, Paul P.: From the Enlightenment to the Police State. Urbana and Chicago 1991, 206 ff. unterstützen die These einer wahrhaften Verschwörung; Körner, Alfred: Die Wiener Jakobiner. Stuttgart 1972 (Deutsche revolutionäre Demokraten, 3), S. 138 schreibt, die Übergabe der Kriegsmaschine sei des einzige tatsächliche Verbrechen gewesen. Schuh, Franzjosef: Die Wiener Jakobiner - Reformer oder Revolutionäre? In: Jahrbuch des Instituts für Deutsche Geschichte XII (Tel Aviv, 1983). S. 122 ff. verteidigt die Theorie von den harmlosen Träumern. 18 HHStA, VA 8, fol. 51 ff, Protokoll Hohenwarts. In: Körner, Alfred: Die Wiener Jakobiner (siehe Anm. 17), S. 88. Für das Weitere siehe Wangermann: Joseph, 2. Aufl.1969 (siehe Anm. 2), S. 144. 352