Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)

LILLA, Joachim: Die Vertretung Österreichs im Großdeutschen Reichstag

Die Vertretungen im Grossdeutschen Reichstag rend die beiden Marschälle durchaus urbane Gesichter machen, ist der Außenminister verkrampft wie immer. Er sitzt mit einem mokanten Gesicht und mit verschränkten Annen wie Napoleon da. Frick und Goebbels sind in die zweite Reihe transferiert wor­den - Frick, obgleich er Vorsitzender der nationalsozialistischen Reichstagsfraktion ist. Er wird übrigens alt. In der vierten Reihe sehe ich neben Seyß und Todt meinen Freund Popitz131 in der dunklen Beamtenuniform. Links vom Rednerpult erweist sich die erste Bankreihe, die für die Landesminister bestimmt ist, immer schütterer. Der Ministerprä­sident von Anhalt132 - so etwas gibt es noch - führt das Präsidium. Ich erinnere mich an die Stunde, in der wir Österreicher im März 1938 an dieser Stelle dem staunenden Reichstag als gezähmte Tiger vorgeführt worden sind. Das tiefernste Gesicht, das ich auf den überlieferten Bildern mache, beweist, daß mir nicht besonders wohl zumute gewesen ist. Gewiß war ich nicht gegen den Anschluß. Aber ich sah für meine engere Heimat bittere Tage heraufziehen; das betrübte mich - leider nicht zu Unrecht. Punkt 6 Uhr [18 Uhr] zieht der Führer, begleitet von Heß, Hermann [Göring], Frick und so weiter, ein. Alles erhebt sich und erhebt auch die rechte Pranke zu feierlichem Gruß. Der Führer begibt sich auf seinen Platz. Hermann besteigt die Kanzel des Vorsit­zenden133. Er trägt eine ganz blaßlilafarbene, oben geschlossene Bluse mit verdeckter Knopfreihe134 135. Aus seinem Halse baumeln zwei EK13, auf der Brust glänzt das Flieger­abzeichen mit Brillanten. Auch Armbanduhr und Ringe an den Fingern strahlen in ma­gischem Licht. Er erteilt ganz kurz dem Führer das Wort, der - seit Kriegsbeginn im­mer feldgrau gekleidet - unter gewaltigen Beifallsrufen das Rednerpult betritt. Die Re­de ist durch den Druck erhalten, ich brauche daher hier nichts besonderes zu vermer­ken. Sehr stark fiel die Betonung Italiens, seiner Verdienste und seiner berechtigten hi­storischen Aspirationen auf. Die Achsenpolitik ist auch in Berlin höchst unpopulär ge­worden, das erfährt man auf Schritt und Tritt. Ley ist freilich auch in diesem Belange 131 Johannes Popitz (1884-1945), 1925-1929 Staatssekretär im Reichsfinanzministerium, Nov. 1932 Reichsminister ohne Geschäftsbereich und mit der komm. Leitung des Preußischen Finanzmini­steriums beauftragt, April 1933-Juli 1944 Preußischer Finanzminister, nach dem 20. Juli 1944 zum Tode verurteilt und hingerichtet. 132 Wer hier gemeint ist, ist nicht eindeutig: Vermutlich handelt es sich um Alfred Freyberg (1892— 1945), 1932-Jan. 1940 Ministerpräsident von Anhalt, anschließend Oberbürgermeister von Leip­zig, seit 1938 Reichstagsabgeordneter. Denkbar wäre aber auch Rudolf Jordan (1902-1988), seit 1937 Gauleiter des Gaus Magdeburg-Anhalt und Reichsstatthalter in Anhalt und Braunschweig, seit 08.01.1940 zugleich Chef der Landesregierung Anhalt, Reichstagsabgeordneter seit Novem­ber 1933. 133 Also des Reiehstagspräsidenten; dieses Amt bekleidete Hermann Göring seit dem 30. Au­gust 1932. 134 Gemeint ist die wohl von Göring selbst entworfene Phantasieuniform des Reichsmarschalls des Großdeutschen Reiches. 135 Es handelt sich einmal um das bei der Erneuerung des Eisernen Kreuzes 1939 durch Verordnung vom 1. September 1939 (RGBl. 1939 1, S. 1573) ebenfalls erneuerte (schon früher verliehene) Großkreuz des Eisernen Kreuzes, das - gemäß Artikel 3 der genannten Verordnung - nur „für überragende Taten, die den Verlauf des Krieges entscheidend beeinflussen“, verliehen werden sollte; es war „etwa doppelt so groß wie das Eiserne Kreuz I. Klasse, hat an Stelle der silbernen eine goldene Einfassung und wird am Halse an einem breiteren schwarz-weiß-roten Bande getra­gen“ (ebd. Artikel 4 Absatz 4). Göring war der einzige Inhaber dieser höchsten, 1939 erneuerten Stufe des Eisemen Kreuzes, die ihm am 19. Juli 1940 verliehen worden war (vgl. A b s o 1 o n , Ru­dolf: Die Wehrmacht im Dritten Reich. Band V, Boppard 1988 [Schriften des Bundesarchivs 16/V], S. 266 f.). Der andere Orden war das 1939 im Zuge der Erneuerung des Eisernen Kreuzes neu gestiftete Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes, das Göring am 30. September 1939 verliehen worden war (ebenda). 257

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