Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)

LILLA, Joachim: Die Vertretung Österreichs im Großdeutschen Reichstag

Joachim Lilla von unverbesserlicher Begeisterung. Er sitzt in der ersten Reihe gleich links vom Mit­telgang136. Ihn zu beobachten, wie er vor Entzücken immer röter und röter wird und die Speckschwarte seines Halses immer mehr anschwillt, ist mir eine perverse Kurzweil. Ich ärgere mich über den Byzantinismus, sehe aber immer wieder wie gebannt hin. [...] Nachdem wir Abgeordneten uns durch mehr oder minder gutes Singen der National­hymnen für etliche Monate unsere Diäten verdient hatten, verließ der Führer mit seinem engeren Gefolge den Saal. Dann drängten wir kleinen Leute uns fort. Hatte ich vor der Sitzung noch mit Bardolff, Baldur [von Schirach] und Papén einige Worte gewechselt, so traf ich nun noch Popitz, Todt und Seyß, mit denen ich ein paar Ulke trieb, unter an­derem mit der Bemerkung, ich sei jetzt in Agram und würde immer dann eingesetzt, wenn es darumginge, Staaten der Auflösung zuzuführen. Seyß meine, man müßte mich ehestens in Moskau einsetzen. Er lud mich zugleich für einige Tage nach Holland ein. Im Foyer wechselte ich noch mit Epp ein paar Worte, auf der Straße mit Keppler137 und Feldmarschall Rundstedt und Reinthaller, Langoth und Foppa. Wir grüßten uns mit dem altösterreichischen ,Servus'.“ VI. Das Ende Die letzte Sitzung des Großdeutschen Reichstages fand am 24. April 1942 statt138. Die durch Regierungsgesetz vom 30. Januar 1939 durch einen Kunstgriff um ein knappes Jahr „verlängerte“, im Grundsatz aber weiterhin vierjährige Wahlperiode des Großdeutschen Reichstages139 endete Anfang 1943 und wurde - da Neuwahlen wegen des Krieges ausgeschlossen waren - durch das von der Reichsregierung beschlossene140 Gesetz zur Verlängerung der Wahlperiode des Großdeutschen Reichstages vom 25. Januar 1943 bis zum 30. Januar 1947 verlängert141. Die Reichstagsverwaltung, die 1944 noch 226 Bedienstete hatte142, amtierte jedoch bis zum Kriegsende weiter, zunächst in ihrem angestammten Dienstgebäude an der Bellevuestraße 6a, nach dessen Zerstörung am 3. Februar 1945 im Reichstagsge­bäude am Königsplatz. Ihre Aufgaben bestanden u. a. in der Verwaltung und Si­cherung der Bibliothek143 144, der regelmäßigen Zahlung der Diäten an die Abgeord­neten (die im nichtbesetzten Teil Deutschlands bis einschließlich April 1945 er­folgte) und Aushändigung der Freifahrkarten'44, schließlich auch mit der buchhalte­116 Platz 17, von Glaise aus gut zu beobachten. 137 Wilhelm Keppler (1882-1960), 19.03.1938-08.05.1945 Staatssekretär z. b. V. im Auswärtigen Amt, seit März 1933 Reichstagsabgeordneter. 138 Vgl. recht eingehend Hubert: S. 181-196. 139 Ebenda, S. 157-159. 140 Der ursprünglich vorgesehene Zusammentritt des Reichstages zur Beschlussfassung über dieses Gesetz konnte nicht stattfinden. 141 RGBl. 1943 1, S. 65; zur Vorgeschichte und den Hintergründen Hubert: S. 197-208. 142 H ah n : S. 480. Diese Zahl soll jedoch später von Goebbels als „Reichskommissar für den totalen Kriegseinsatz“ in nicht bezifferter Größe verringert worden sein. 143 Vgl. Ebenda, S. 445-455, 466-494. 144 B u t z er: S. 409, 411. 258

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