Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)
LILLA, Joachim: Die Vertretung Österreichs im Großdeutschen Reichstag
Joachim Lilla ihm: ,Exzellenz, eigentlich sind wir gemeine Kerle!' Bardolff fragte nicht erst, warum. Ich setzte fort: ,Wenn wir Verantwortungsgefühl gehabt hätten, hätten wir gegen den Krieg stimmen müssen; aber man hätte uns wohl zerrissen.' Bardolff war hinsichtlich des verbrecherischen Unsinns, einen solchen Krieg anzufangen, ganz meiner Mei- nung121. Für den 6. Oktober [1939] wurde der Reichstag einberufen. [...] Abends war die Reichstagssitzung. Hitler gab der großen ersten Enttäuschung, die er in diesem Krieg erlitt - nämlich daß die Engländer nicht auf sein Friedensangebot eingegangen waren - beredten Ausdruck122 123. Die letzte Reichstagssitzung, über die Glaise von Horstenau in seinen Aufzeichnungen berichtet, war die vom 4. Mai 1941121: Bevor ich zum Erzherzog [Eugen] gegangen war, hatte ich ein Telegramm aus Berlin erhalten, das für Sonntag die Einberufung einer Reichstagssitzung voraussehen ließ. Da ich aber für Samstag schon einen Platz im Kurierflugzeug nach Agram bestellt hatte, wurde ich von schweren Zweifeln gequält. Aber gemäß meinem Motto, nur mehr aus Neugierde zu leben, entschloß ich mich doch zur Berliner Fahrt, das heißt, ich machte noch abends ausfindig, daß der Fliegergeneral D [ ... ] und der Oberst [...] morgen früh in einem Sonderflugzeug nach Berlin flögen. Ich lud mich ein. Frühmorgens ging es los. Uber die eigentliche Reichstaggsitzung heißt es dann124: Um 6 Uhr versammelte sich das Sängerkorps des Reichstages in der Krolloper12'. Ich nahm meinen gewohnten Platz in der dritten Reihe126 ein. Hinter mir sitzt Auwi127, rechts von mir Proksch128, vor mir halb rechts der berühmte Finanzdiktator Reinhardt129 *, den ich wieder mit der Junggesellensteuer anöde110. [...] Auch das Kabinett versammelte sich auf der Estrade rechts vom Rednerpult. Die Sitzordnung ist diesmal etwas geändert. ln der ersten Reihe haben, dem Führer den inneren Platz freilassend, Ribbi [Reichsaußenminister von Ribbentrop], Brauchitsch und Keitel Platz genommen. Wäh121 Broucek: Bd. 2, S. 420. 122 Ebenda, S. 421 f. 123 Broucek: Bd. 3, S. 104 (zeitgenössische, im April 1941 begonnene Aufzeichnungen). - Keine Aufzeichnungen ermittelt wurden über die Reichstagssitzungen am 18. Juli 1940, 11. Dezember 1941 und 26. April 1942. 124 Ebenda, S. 106 f. (zeitgenössische, im April 1941 begonnene Aufzeichnungen). 125 Dem - mit Ausnahmen - üblichen Versammlungsort des Reichstages seit dem Reichstagsbrand im Februar 1938. 126 Glaise hatte Platz 86 in der dritten Reihe inne (Vgl. K i en as t: 1938, S. 560-562). 127 August Wilhelm („Auwi“) Prinz von Preußen (1887-1949), Sohn Kaiser Wilhelms II., seit 1938 SA-Obergruppenführer, gehörte dem Reichstag seit März 1938 an. Er saß in der vierten Reihe auf Platz 116 direkt hinter Glaise. 128 Josef Proksch (1891-1981) war von 1931 bis 1934 Führer der österreichischen NSDAP und durfte seitdem den Titel Gauleiter führen. Er war seit 1938 Reichstreuhänder der Arbeit fiir das Wirtschaftsgebiet Österreich (seit 1940: Wien-Niederdonau) und Präsident des Landes- bzw. Gauarbeitsamtes. Er gehörte dem Reichstag seit 1936 an und saß neben Glaise auf Platz 85. 129 Fritz Reinhardt (1895-1959) war seit April 1933 Staatssekretär im Reichsfinanzministerium und gehörte dem Reichstag seit 1930 an. Er saß in der zweiten Reihe auf Platz 49 (von Glaise aus gesehen jenseits des Mittelganges). 1,0 Ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch Glaises Aufzeichnungen nach 1938 zieht, weil er Junggeselle war und über die Steuerbelastung klagte. 256