Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 47. (1999)
Rezensionen
sensterben von KZ-Gefangenen zu Kriegsende auf dem Weg nach Theresienstadt. Beeindruckend die Geschichte einzelner Familien des Waldviertels, die zur Assimilation anderen Kirchengemeinschaften beitraten oder die Kollaboration mit der NSDAP suchten. In Eggenburg zum Beispiel verschwanden seit 1938 die Hälfte der nach den Nürnberger Gesetzen registrierten Juden. Die Synagoge in Krems entspricht den kleinen Bautypen des 19. Jahrhunderts, ohne selbständige Kanzel, und den allgemeinen staatlichen Unterrichts- und Wissenschaftseinrichtungen. Die Einzelschicksale der Familien sind an das kleinbürgerliche „normale“ Leben und Arbeiten im Waldviertel gebunden, die in Waidhofen, Eggenburg oder Gmünd gewerblichen Arbeiten nachgegangen sind. Die Protokolle der Zeitzeugen 1995 verdeutlichen die Verkürzung der historischen Erinnerung: die groben Fakten sind die Bewältigung der äußeren Realität, die gelungen erscheint, die Anzahl der Toten im Waldviertel sind fremde Juden, die Opfer des Holocausts waren. Die Protokolle sind nicht transkribiert, sondern zusammengefaßt, die Erinnerungskultur in Österreich auch auf Niederösterreichs beschränkt. 1970 erinnert eine kleine Gedenkfeier gemeinsam mit ungarischen Juden an die schrecklichen Ereignisse, die österreichische Nachkriegskultur einleitet: die überlebenden Nicht-NSDAP Mitglieder werden geehrt bzw. nehmen selber Wiedergutmachungshandlungen in Israel vor, insbeson- ders in der Ehrung der Denkmäler der Holocaustopfer. Sabine Stadler, Wien Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 47/1999 - Rezensionen Gut kas, Karl (Hrsg.): Die Achter-Jahre in der Österreichischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Redigiert von Brigitte Oberleitner. Wien: Österreichischer Bundesverlag-Pädagogischer Verlag 1994 (Schriften des Institutes für Österreichkunde 58). 144 S. Im März des „Bedenkjahres“ 1988, fast genau 50 Jahre nach dem „Anschluß“ Österreichs an das Großdeutsche Reich, fand im Hippolyt-Haus zu St. Pölten die 35. Historikertagung des Instituts für Österreichkunde statt. Das Thema: „Die Achter-Jahre in der österreichischen Geschichte des 20. Jahrhunderts“. Periodisie- rungsfragen werden von der Historikerzunft bisweilen mit größter Leidenschaft diskutiert. Im Falle der ,Achter-Jahre“ sind tiefergehende Diskussionen jedoch unangebracht. Denn es ging den Veranstaltern nicht darum, österreichische Zeitgeschichte dezennalzyklisch oder gar zahlenmystisch zu interpretieren, sondern lediglich um den Versuch, die Geschichte unseres Jahrhunderts in Zehnjahresabständen schwerpunktmäßig zu behandeln. Man wollte zeigen, daß es in der neuesten Geschichte Österreichs mehr Wendepunkte gegeben hat als nur den des Jahres 1938. Tatsächlich eignet sich dafür kein Jahresintervall so gut wie das der Achter- Jahre, wenn auch nicht jedes dieser Jahre die gleiche zäsurale Relevanz aufweist: 1908 befand sich die Monarchie wegen der Annexion von Bosnien und der Herzegowina in der ersten großen außenpolitischen Krise den neuen Jahrhunderts, zehn 325