Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 47. (1999)

Rezensionen

auch die frühen Bauten von Max Fabiani und Josef Plecnik, die in ihrem kühlen Rationalismus als Prototypen der Wagner’sehen Moderne anzusehen sind, stellten nach der späteren Kehrtwendung der beiden Architekten zu neohistoristischem Vokabular qualitativ unerreichte Einzelphänomene dar. Einen der Gründe für diese Trendumkehr in traditionalistische Richtung sieht die Autorin - neben dem bereits angedeuteten Repräsentationswillen des Auftraggebers, der ja letztlich entschei­dend bleiben mußte - in der offiziellen Förderungspolitik, wobei hier dem Erzher­zog-Thronfolger Franz Ferdinand eine entscheidende Rolle zukam. Alle Erkenntnisse und Thesen werden auf in minutiöser Kleinarbeit zusammen­getragene Einzelstudien zu den betreffenden Firmengebäuden, von denen meist nur zeitgenössische Kritiken, aber noch keine kunsthistorischen Analysen vorliegen, gestützt, wobei im Gegensatz zum Untertitel weit über die gewählte Periodisierung von 1910 bis 1914 zurückgegriffen wird. Die Arbeit schließt mit den zehn Kurz­biographien der wichtigsten behandelten Architekten, die allerdings oft fragmenta­risch erscheinen müssen (häufiges Fehlen des Todesdatums etc.), da sich die Auto­rin fast ausschließlich auf Vorkriegsliteratur stützen konnte und die meisten späte­stens ab 1938 -teils zur Emigration gezwungen - nicht mehr greifbar sind. Sieht man von der äußerst schlechten phototechnischen Qualität der Farbabbildungen ab, die aber wohl eher den Verlag als die Autorin belastet, so kann man von einer kunstgeschichtlichen Pionierarbeit sprechen, die aufgrund ihrer fachübergreifenden Bandbreite auch in der historischen Fin-de-siécle-Forschung einen nicht unbeachteten Platz einnehmen muß. Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 47/1999 - Rezensionen Robert Rill, Wien Pollak, Michael: Wien 1900. Eine verletzte Identität. Aus dem Französi­schen übers, von Andreas Pfeiffer. Konstanz: UVK, Univ.-Verl. 1997 (Edition discours 6). 286 S. Die Jahrhundertwende in Wien ist ein stehendes Motiv für zahlreiche Veröffent­lichungen. Michael Poliaks Wien 1900 rekonstruiert die wichtigsten Denkmuster und Strömungen , ohne Referenz auf andere Werke. Ausgehend von der These der Modernisierung ist Wien eine Stadt der Beamten, des Niedergangs des liberalen Bürgertums und des Aufstiegs der politischen Parteien und der Zeitungen, die mit dem Erstarken der sozialdemokratischen Parteien und den christlich-sozialen Par­teien gegründet werden und vertrieben werden. Die spezifisch österreichische Problematik ist der Antisemitismus als Konse­quenz der Schwäche des bürgerlichen Liberalismus, den Pollak anhand der Wis­senschaften und des Werkes Arthur Schnitzlers analysiert: „Befremdlicherweise griff dieser innerhalb der Wiener Gesellschaft zunehmende Antisemitismus das Argument des deutschen Nationalismus immer in den Momenten der Geschichte 322

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