Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 47. (1999)
Rezensionen
Prokop, Ursula: Wien. Aufbruch zur Metropole. Geschäfts- und Wohnhäuser der Innenstadt 1910 bis 1914. Wien-Köln-Weimar: Verlag Böhlau 1994, 193 S. Im Gegensatz etwa zur Ringstraßenarchitektur des 19. Jahrhunderts fehlt bei den Profanbauten der Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg ein einheitliches, weltanschaulich begründetes Konzept - es sei denn, man wollte in der bloßen negativen Reaktion auf eben diese Vorgängerepoche ein solches erkennen und dies mag wohl eine der Ursachen bilden, warum das vorliegende Werk tatsächlich als Pionierarbeit gelten kann. Dennoch gelingt es der Autorin, andeutungsweise Gemeinsamkeiten aus der Komplexität und Ambivalenz der Stilrichtungen herauszuarbeiten: Als roter Faden zieht sich zunächst eine neue Form der Selbstdarstellung und somit auch des Kunstwollens des emanzipierten Bürgertums durch die diversen Lösungsmodelle, eine auch ideologische Abkehr von Hof und Adel als Vorbilder, eine Rückbesinnung auf das als „bürgerlich“ qualifizierte Biedermeier und in der Folge auch eine Öffnung gegenüber ausländischen Inspirationsquellen, wie Chicago School, Country-house-style, französische Warenhausbauten und mediterrane Architektur; freilich barg diese Hinwendung zur Architektur der damaligen internationalen Hochfinanz auch schon den Keim von nationalistischen und romantisierenden Antworten in sich, wie etwa die Richtung des Heimatstils als Abkehr von einer als negativ empfundenen Industrialisierung. Aus dieser Ambivalenz heraus scheint es verständlich, daß schließlich der neu aufkommende Klassizismus einen Ausweg aus dem repräsentativen Defizit des Protorationalismus zu bieten schien, übrigens unter besonderer Förderung von Otto Wagner und Adolf Loos, den Proponenten einer Moderne, die immerhin mit dem gesamten inhaltlichen Anspruch dieses Begriffes angetreten waren und sich dennoch - wie von Zeitgenossen durchaus erkannt und kritisch kommentiert - nun mit Lösungsmodellen der Vergangenheit befassen mußten; dies, nachdem bereits 1901, vor Loos, Leopold Bauer ein von der Fachpresse mit vernichtendem Urteil quittiertes Museumsprojekt entworfen hatte, dessen glatte Fassaden die Zeitgenossen mit einem Fabriksgebäude verglichen. Der Funktionalismus der Prestigearchitektur war also bereits in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts in eine Sackgasse gelangt, nicht zuletzt wegen der rückläufigen Akzeptanz der Auftraggeber, deren Anspruch mit den Worten der Autorin „zutiefst in barock-katholischen Vorstellungen wurzelte“; die Lösung boten also der Neoklassizismus und hier vor allem die Wagner-Schule, auf deren Momumentalbauten die Autorin u. a. anhand des Werkes von Karl Schön eingeht. Wo derlei „barock-klassizistische Phantasieprojekte, die in ihrer Megalomanie in die Nähe der totalitären Architektur gerieten“ (U. Prokop) allerdings über das Stadium des Entwurfes hinaus gediehen, erwiesen sie sich in der praktischen Umsetzung als viel gemäßigter als Synthese zwischen „Moderne“ und bewährten Lösungsmodellen, die Ursula Prokop anhand der Werke von Hoppe, Kämmerer und Schönthal als „Konsensarchitektur“ bewertet. Aber Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 47/1999 - Rezensionen 321