Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
KURZREITER, Johann: Österreich-Ungarn und die Kongofrage 1884–1885
Österreich-Ungarn und die Kongofrage 1884-1885 praktisch wurde sie durch zwei Mitglieder der US-Delegation vertreten, darunter Henry Morton Stanley54. Als erstes wurde auf der Konferenz das Thema des freien Handels in Zentralafrika diskutiert. Zu diesem Zweck wurde eine Kommission aus den Vertretern der meistin- teressierten Staaten eingesetzt, die an der ursprünglich geplanten Vorkonferenz hätten teilnehmen sollen. Österreich-Ungarn gehörte zu den weniger interessierten Mächten, die in der Kommission nicht vertreten waren, weshalb es auch keinen Anteil an den Beratungen hatte. Die Ergebnisse der Arbeit der Kommission wurden dem Plenum der Konferenz zur Annahme vorgelegt. Graf Széchenyi trat dabei nicht mit Initiativen hervor55. In der Frage des Freihandels bildeten sich unter den teilnehmenden Staaten zwei Gruppen. Frankreich und Portugal wollten die geplante Freihandelszone auf das Kongobecken begrenzen, weil sie Kolonialbesitz in der Region hatten, während andere Mächte, darunter Deutschland und Großbritannien, die nur am Freihandel interessiert waren, eine möglichst große Ausdehnung der Freihandelszone wollten. Österreich-Ungarn kann ebenfalls zu diesen Staaten gezählt werden. Außenminister Kálnoky wollte die Handelsfreiheit in Zentralafrika soweit wie möglich zur Geltung gebracht sehen56. Auf Vorschlag des amerikanischen Chefdelegierten Kasson wurde die Freihandelszone vom Kongobecken bis zur Küste des Indischen Ozeans von Somalia bis MoScambiquc ausgedehnt. Schließlich wurden der freie Zugang und die gleiche Behandlung für alle Kaufleute vereinbart57. Schon bei den Beratungen über das Thema Freihandel zeigte sich eine Interessengemeinschaft zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien, die auf der ganzen Konferenz zum Tragen kam. Im Gegensatz dazu divergierten die deutschen und französischen Interessen. Beispielsweise wollte Bismarck entgegen den französischen Wünschen die Freihandelszone auch an der Westküste so breit wie möglich halten, ohne sich hier durchsetzen zu können. Infolge dieser divergierenden Interessen zerbrach im Verlauf der Kongokonferenz die Kolonialentente zwischen Berlin und Paris, während das deutsch-britische Verhältnis, das wegen der kolonialen Streitfragen bis dahin eher schlecht gewesen war, sich besserte. So beschloß die Konferenz unter dem Einfluß Berlins und Londons, in der zu errichtenden Freihandelszone 20 Jahre lang keine Importzölle zu erheben58. Die Diskussion humanitärer Fragen, der Verbesserung der moralischen und materiellen Wohlfahrt der Eingeborenen sowie der Unterdrückung der Sklaverei und des Sklavenhandels, auf der Konferenz, wurde von der Auffassung getragen, daß die Kolonialmächte eine Verantwortung gegenüber den indigenen Völkerschaften hatW e h 1 e r: Bismarck und der Imperialismus, S. 387. 55 HHStA, PA III 178, Bericht III W.A.C. von Széchenyi an Kálnoky 20. 11. 1884. 56 E b e n d a, Kálnoky an Széchenyi 13. 11. 1884; Wehler: Bismarck und der Imperialismus, S. 387. 57 M c E w a n: Nineteenth-Century Africa, S. 211. 58 Wehler: Bismarck und der Imperialismus, S. 387 f. 79