Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
KURZREITER, Johann: Österreich-Ungarn und die Kongofrage 1884–1885
Vergleich zu Deutschand beklagte19. Der Staat war aber auch nicht bereit, Initiativen zu setzen, er erwartete solche von der Wirtschaft. Industrie und Hochfinanz setzten sich für die Erhaltung der bestehenden Wirtschaftsstruktur ein, das heißt für die Konzentration der Industrie in den westlichen Regionen des Reiches (Alpen- und böhmische Länder) und die Bewahrung der östlichen und südlichen Kronländer als Produzenten von Rohstoffen und Agrarprodukten. Der „Imperialismus nach innen“ (F. Klein) machte so den „Imperialismus nach außen“ überflüssig20. Wie erwähnt, bildete auch die dualistische Struktur der Monarchie ein Hindernis für Kolonialpolitik ebenso wie das Fehlen gemeinsamer Handelsinteressen der beiden Reichshälften aufgrund der ungleichen wirtschaftlichen Entwicklung21. Die Balkanpolitik war bis zu einem gewissen Grad ein Ersatz für Kolonialpolitik. Die Erschließung einer „Binnenkolonie“ wie Bosnien-Herzegowina wurde in Kreisen der Wirtschaft und der Armee als Ersatz für eine Kolonialpolitik in Übersee betrachtet22. Ein Motiv für die Versuche der Donaumonarchie, „Weltpolitik“ zu betreiben, also außerhalb Europas politisch und wirtschaftlich aktiv zu werden, war die Überzeugung, daß dies notwendig sei, daß die Monarchie dem Beispiel der anderen Großmächte, die Imperialismus betrieben, nacheifern müsse, wenn sie ihre Stellung als Großmacht behaupten wollte. So warnten Koreff und Liebert, wenn Österreich- Ungarn nicht eine Kolonie wie Rio de Oro erwerbe, „würde Österreich in seinem Ansehen als Weltmacht hinter Portugal oder Dänemark rangieren“23. In einer Denkschrift an die Österreichische Kolonialgesellschaft schrieben sie weiter: „Koloniale Arbeit aber ist heute und wird immer mehr eine Lebensfrage, ein Wertmesser für die europäischen Staaten, ein unerläßliches Attribut nicht nur einer Welt-, sondern auch einer Großmacht“24. Die beiden Geschäftsleute wollten mit diesen Worten natürlich Unterstützung für ihr Projekt gewinnen, sie äußerten damit aber auch eine Ansicht, die zu dieser Zeit verbreitet war. Der mit dem Außenministerium in enger Verbindung stehende Journalist Fritz Molden reichte Anfang 1914, zur Zeit der Bemühungen in Kleinasien, eine Denkschrift ein, die die generellen Motive der politisch bestimmenden Kreise in der Habsburgermonarchie für „Weltpolitik“ in so später Stunde darlegte. Molden sah in überseeischer Expansion eine „natürliche Entwicklungsphase, der eine Großmacht nicht ohne schweren moralischen und materiellen Schaden ausweichen kann, [.. ,]“25. Außenminister Goluchowski wies in einer Rede vor der ungarischen Delegation im Dezember 1899 (zur Zeit des Projekts Rio de Plata) auf die vielen Mängel und MißÖsterreich-Ungarn und die Kongofrage 1884-1885 19 20 21 22 23 24 25 Klein: Weltpolitische Ambitionen Österreich-Ungams, S. 272 f. Ebenda, S. 288 f. Wagner: Österreichische Kolonialversuche, S. 271. Ebenda, S. 273; Klein: Weltpolitische Ambitionen Österreich-Ungams, S. 263. Ebenda, S. 267. Ebenda, S. 267. Ebenda, S. 285. 71