Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
KURZREITER, Johann: Österreich-Ungarn und die Kongofrage 1884–1885
Johann Kurzreiter Boxeraufstandes, nützte Österreich-Ungarn die Gelegenheit und nahm ein kleines Terrain in Tientsin als Handelsniederlassung in Besitz 13. Zu einer weiteren Entwicklung als wirkliche Niederlassung für österreichische Handelsfirmen kam es aber nicht, weil sich keine solchen Firmen dort niederließen. Auch das Außenministerium gestaltete die errungene Position nur langsam aus, erst im August 1902 wurde ein eigener Konsul ernannt. Es investierte niemand in die Niederlassung14. 1913/14 unternahm Österreich-Ungarn einen Versuch, sich Kolonialbesitz in Kleinasien zu sichern, falls das Osmanische Reich zerfallen sollte. In den Wiener Regierungskreisen herrschte die Überzeugung, die Türkei werde nach den Niederlagen gegen Italien 1911/12 und die Balkanstaaten 1912/13 auch ihren kleinasiatischen Besitzstand über kurz oder lang an die Großmächte verlieren. Als Vorstufe einer territorialen Erwerbung wollte sich die Donaumonarchie eine wirtschaftliche Einflußsphäre in Anatolien sichern15. Nachdem der Generalkonsul in Alexandria, Petrovic, im Februar und März 1913 die Südküste Anatoliens bereist und Möglichkeiten für die Schaffung einer Einflußsphäre erkundet hatte, bemühte sich die Wiener Regierang in Konstantinopel um wirtschaftliche Konzessionen (Bau von Verkehrswegen und Hafenanlagen, Gewinnung von Rohstoffen u. a. m.). Hier traten auch Kreise der österreichischen Hochfinanz (Wiener Bankverein, Bo- den-Credit-Anstalt) als Bewerber um Konzessionen auf. Im Gegensatz zu den früheren, gescheiterten Kolonialversuchen gab es also in diesem Fall Interessenten aus der österreichischen Wirtschaft, die Initiative lag aber bei der Regierung16. Die türkische Regierung lehnte jedoch alle österreichischen Anträge auf Erteilung von Konzessionen wegen ihrer Verpflichtungen (Bau von Eisenbahnen, usw.) gegenüber Großbritannien und Deutschland und wegen ihrer Versprechungen an Italien über die Gewährung von Konzessionen im Südwesten Anatoliens ab. Deutschland hatte in dem von Österreich-Ungarn ins Auge gefaßten Gebiet eigene Interessen im Zusammenhang mit dem Bau der Bagdadbahn17. An diesen Beispielen werden die Gründe deutlich, die eine imperialistische Expansion Österreich-Ungarns verhinderten. Es gab nur in schwachen Ansätzen ein dynamisches, expansionistisches Unternehmertum in Banken, Industrie und Handel, das über die Grenzen strebte. Dies lag auch an der relativ geringen Industrialisierung des Habsburgerreiches, die keine besondere Notwendigkeit für Absatzmärkte und Rohstoffquellen in Übersee aufkommen ließ18. Es kamen daher aus der Wirtschaft keine Initiativen für überseeische Unternehmungen, ein Umstand, den Außenminister Goluchowski in einer Rede vor der österreichischen Delegation im Dezember 1899 (zur Zeit des Projekts Rio de Oro) im 13 Klein: Weltpolitische Ambitionen Österreich-Ungams, S. 278-281; ausführlich Wagner: Österreichische Kolonialversuche, S. 222-268. 14 Klein: Weltpolitische Ambitionen Österreich-Ungams, S. 282. 15 Ebenda, S. 284. 16 Ebenda, S. 283. 17 Ebenda, S. 284. 18 Ebenda, S. 288; Wagner: Österreichische Kolonialversuche, S. 150. 70