Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
Rezensionen
Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46/1998 - Rezensionen Dzaja, Srecko M.: Bosnien-Herzegowina in der österreichisch-ungarischen Epoche (1878-1918). Die Intelligentsia zwischen Tradition und Ideologie. Oldenbourg: München 1994. (Südosteuropäische Arbeiten 93). 278 S., graph. Darst. Srecko Dzaja hat sich bis jetzt vor allem mit der Frage der Konfessionalität und Nationalität Bosniens und der Herzegowina vom Mittelalter bis zum Jahr 1878 beschäftigt und dazu zwei Monographien und zahlreiche Aufsätze veröffentlicht. Im nun vorliegenden Buch befasst er sich mit der Intelligenzschicht als Träger des aufkommenden Nationalgedankens, der die Konfession als Identifikations- und Differenzierungsmerkmal der damaligen bosnisch-herzegowinischen Gesellschaft in den Hintergrund zu drängen begann. Im Einleitungskapitel analysiert der Autor den Begriff Intelligenz und geht auf seine Bedeutung in Europa und im besonderen in Südosteuropa ein. In diesem Zusammenhang spricht er von einer seit der Dreyfuss-Affäre im Jahre 1898 in Frankreich und Westeuropa üblichen, ideologisch bedingten Polarisierung zwischen Intellektuellen, im Sinne von system- bzw. gesellschaftskritisch und Gegenintellektuellen, in der Bedeutung konservativ bzw. reaktionär und systemerhaltend und weist auf die Problematik dieser Polarisierung respektive Ideologisierung und Politisierung der Wissenschaft bis heute hin (als Beispiel führt er auf S. 11, Fußnote 14 den sogenannten „Historikerstreit“ der deutschen Intellektuellen der achtziger Jahre an). Trotz dieser kritischen Haltung zur Ideologisierung der Wissenschaft neigt der Verfasser selbst dazu, das erwähnte Muster der Polarisierung - zwar etwas modifiziert - auf den bosnisch-kroatisch-serbischen Raum anzuwenden, in dem er zum Beispiel der liberalen, südslawisch orientierten kroatischen Intelligenz einerseits eine weltoffene, „übernationale“ und „internationale“ Gesinnung konzediert (S. 29) und andererseits mit der „nationalorientierten Anti-Intelligenz“ sowohl der Kroaten als auch der Serben und bosnisch-herzegowinischen Muslime Engstirnigkeit und „Anti- modemität“ verbindet. Die Theorie vom inter- bzw. übernationalen Charakter des „liberalen kroatischen Jugoslawismus“, die nicht nur vom Autor vertreten wird, ist schlicht unhaltbar, denn selbst die „liberalste“ Version des südslawischen Gedankens verstand sich, nach dem Vorbild der deutschen und italienischen nationalen Eini- gungs- bzw. Einheitsideologien, von Anfang an als Nationalideologie. Dzaja weist auch auf die starke Beeinflussung der zweiten kroatischen Nationalideologie, der Ideologie des Großkroatentums und ihres Schöpfers Ante Starcevic von den Rousse- auschen Ideen des volonté generale, contrat social und der Kultur als Dekadenz hin. Dabei macht der Autor darauf aufmerksam, dass die bisherige Forschung „die Anleihe des Schöpfers dieser Ideologie, Ante Starcevic, bei Jean Jacques Rousseau [... ] zwar registriert, aber [...] über die Rousseauschen Elemente, wie Starcevics Neigung zur Abstinenz von der Politik als Gefühl eines ,Kroaten ohne Vaterland4 oder die kroatische Staatlichkeit als Gesellschaftsvertrag der Kroaten mit den Habsburgern, der auflösbar sei, sowie seine verbitterte Kritik der verdorbenen Fremdherrschaft als Rousseausche Kulturkritik nur wenig nachgedacht“ habe (S. 30). Er positioniert 557