Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
Rezensionen
Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46/1998 - Rezensionen Bevölkerungsentwicklung durch eine weiterhin hohe Geburtenrate (frühe Eheschließung) und nur langsam abnehmende Sterblichkeit. Hiedurch kam es im ländlichen Bereich zu einer für den gesamten Untersuchungszeitraum zu konstatierenden Überbevölkerung und existenzgefährdenden Verknappung des Bodens. Dies wiederum führte wegen der „strukturellen Unterbeschäftigung“ zu umfangreichen Realteilungen, durch den Mangel an landwirtschaftlichem Fachwissen und an Kapital zum Zerfall der zadruga. Anstatt vorhandenes Geld zu investieren, wurde es in traditioneller Weise gehortet. Diese modernisierungsfeindlichen Strukturelemente manifestierten sich in der Beibehaltung unwirtschaftlicher, extensiver Anbaumethoden. Besonders in den Realteilungsgebieten entwickelten sich nun als nötige Einkommensstütze Heimgewerbe, Protoindustrie und das Wanderhandwerk (pecalbarstvo). Gerade in den besonders armen und unfruchtbaren Gebieten Süd- bzw. Südostserbiens entstanden so typische Gewerbelandschaften. Die Verfasserin zeigt indes, dass in Abweichung vom westeuropäischen Standard die zaghafte Industrialisierung weniger von der ländlichen Protoindustrie als vielmehr vom Handwerk ausging. In den folgenden Abschnitten der Studie wird der durch die Existenznot erzwungene Wechsel des Bauern zum „Arbeiter-Bauern“ im Zuge der „dualen“ Wirtschaftsweise (1. Landwirtschaft als Existenzgrundlage, 2. Zusatzeinkommen durch Arbeit in den neu entstandenen Fabriken, Tagelohn) mit den ererbten Entwicklungshindernissen sowie der in einem Stufenprozess immer stärker einsetzende Zuzug vom Land in die Städte, der zur „Urbanisierung“ und schließlich gänzlichen Übernahme städtischer Verhaltens- und Denkmuster führte, dargestellt. Darüber hinaus kommen in Calics Studie noch die katastrophalen Lebensbedingungen des neuen städtischen Proletariats am Arbeitsplatz und Wohnort, die schwierigen, auch außenwirtschaftlichen Bedingungen Serbiens in der Folge seines nunmehr selbständigen Eintritts in die Weltwirtschaft (1878), des Ersten Weltkrieges, der Weltwirtschaftskrise (Auswirkungen in Serbien 1930-1935) - um das Wichtigste zu nennen-zur Sprache. Nach Calic Studie ist der „aufhaltsame Weg“ der serbischen „Entwicklungsgesellschaft“ ein eigenständiger Weg, der durch die „fehlende Flexibilität“ und die „mangelhafte Fähigkeit, sich den sich wandelnden sozialökonomischen, aber auch weltwirtschaftlichen Konditionen anzupassen“ (S. 447), gekennzeichnet ist. Auf diesem Weg wurden die genannten strukturellen Hemmnisse und Hindernisse, die jegliche Entwicklung bremsten, bis zum Ende des Untersuchungszeitraums weitergeschleppt, wodurch eine „Modernisierung“ der Gesellschaft und Wirtschaft letztend- lich nur bedingt möglich war. Calics Buch basiert darüber hinaus auf umfangreichen Archivstudien und Archivmaterial aus serbischen Archiven (Arhiv Srbije/Beograd, Arhiv Jugoslavije/Beograd, Arhiv grada Beograda/ Beograd, Arhiv Vojvodine/Novi Sad) sowie Primärliteratur, Zeitschriften und Zeitungen. Es stellt alles in allem einen ersten, sehr wertvollen und bedeutenden Beitrag zu einer neuen Entwicklungsgeschichte der südosteuropäischen Länder dar und kann als Ausgangspunkt für weitere Forschungsvorhaben in dieser Richtung betrachtet werden. Bernd Samobor, Wien 556