Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
Rezensionen
Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46/1998 - Rezensionen betrachtet, bevor im Schlusskapitel die Merkmale des serbischen Entwicklungsweges noch einmal Epochen übergreifend und systematisch zusammengefasst werden. In Anlehnung an die Ergebnisse der neuesten entwicklungstheoretischen Diskussion spricht die Autorin von einer Theoriebildung im Sinne des Übergangs von den alten „idealtypischen zu objektbezogenen, realtypisch fundierten Modellen“. Entwicklung wird „als Prozeß begriffen, in dem zu unterschiedlichen Zeitpunkten divergierende modemisierungsrelevante Problemfelder virulent werden und der nicht in einem postulierten Idealzustand von .Modernität* endet“ (S. 21). Calic analysiert diesen „Prozeß“ mit den Instrumentarien regionalgeschichtlicher und nicht nationalstaatlich orientierter Historiographie. Daraus ergibt sich für Serbien die Untersuchung bestimmter regionaler Wirtschaftsräume, von denen eine modernisierende Entwicklung ausging, und die sich jeweils, wie in den einzelnen Abschnitten der Studie überzeugend nachgewiesen wird, unterschiedlich entwickelten und daher nur in ihrer Gesamtheit die Einschätzung des wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungsprozesses in Serbien ermöglichen. Das auf Sidney Pollard zurückgehende „Konzept der regionalen Industrialisierung“ bietet der Verfasserin einen Ausweg aus dem forschungspraktischen Analysedilemma, wobei sie die Relevanz der empirischen regionsbezogenen Fallstudien der neuen deutschen Wirtschaftshistoriographie auch auf das Beispiel Serbien erfolgreich anwendet. Die zuerst in Kapitel 2 dargestellten strukturellen Entwicklungshemmnisse begleiten den gesamten Untersuchungszeitraum und reihen sich in jenen irreversiblen „säkularen Transformationsprozess“ Serbiens ein, den die westlichen Gesellschaften schon lange hinter sich gebracht hatten. Dabei geht es nicht nur um ein bloßes „Nachhinken“, sondern auch um ganz spezifisch serbische Probleme. Die schnelle Abschaffung des osmanischen Feudalsystems nach Erlangung der inneren Autonomie in den Jahren 1830 bis 1833 bedeutete zwar persönliche Freiheit für den Bauern, doch wurde mit der gesetzlichen Festsschreibung der traditionellen zadruga 1844 sowie auch durch noch bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts geltende Bestimmungen, die ein Verbot der Beleihung und Veräußerung eines als bäuerliches Existenzminimum angesehenen Kernbesitzes vorsahen, die wirtschaftliche Bewegungsfreiheit des Landbesitzers a priori eingeschränkt. Mit der Zunftordnung von 1847 schaffte der Gesetzgeber die 1838 eingeführte Gewerbefreiheit wieder ab und unterband bzw. erschwerte mit der Etablierung eines städtischen Handels- und Gewerbemonopols ländliche Handelsstrukturen. So hielt sich lange die Tauschwirtschaft, geld- bzw. marktwirtschaftliche Strukturen entwickelten sich unter solchen Bedingungen kaum und nur sehr langsam. Der nötige „von oben“ verfugte „Innovationsschub“ zur Modernisierung der serbischen Gesellschaft blieb somit aus, wenngleich der These der Verfasserin, dass es damit „zur Konservierung quasi feudaler Gesellschaftsstrukturen gekommen sei“ (S. 44), nicht zugestimmt werden kann. Von Bedeutung für die weitere Entwicklung war ferner der im westeuropäischen Vergleich deutlich verspätete (100 Jahre) „demographische Übergang“, im Falle Serbiens veranschaulicht durch eine besonders lang anhaltende, gegenüber wirtschaftlichen Wandlungsprozessen unflexible „malthusianische Schere“ in der 555