Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)

ENDERLE-BURCEL, Gertrude: „Planwirtschaft“ als Krisenbekämpfung. Aspekte österreichischen Staatsinterventionismus 1930 bis 1938

Eingreifen des Staates in die Wirtschaft, das über die Grenzen der traditionellen öffentlichen Aufgaben hinausging, kategorisch ab“16. In der Praxis kam es aber trotz Lippenbekenntnissen des autoritären Staates zur Privatwirtschaft17 und ihrer „Autonomie in der Wirtschaftsführung“18 zu zahlreichen Eingriffen in den verschiedensten Wirtschaftszweigen. Die Reglementierungen wur­den als von außen aufgezwungen sowie als vorübergehend und krisenbedingt darge­stellt19. Ein offenes klares Bekenntnis zu planwirtschaftlichen Maßnahmen wurde in Regierungskreisen niemals abgegeben. In dem zukünftigen Ständestaat sollten schließlich die Berufsstände die Wirtschaftspolitik in die Hand nehmen20. Die Begrif­fe Stände, berufsständische Ordnung, ständische Idee usw. ließen aber viele Interpre­tationen zu, wobei es selbst unter den Regierungsmitgliedern keine Klarheit und Einigkeit gab21. Dem Liberalismus verhafteten Wirtschafstheoretikern, wie Friedrich Hayek, Lud­wig Mises oder Oskar Morgenstern und diffusen Ständestaatskonzeptionen standen unzählige „marktregulierende“ Eingriffe des Staates gegenüber. Sieht man von der Sonderentwicklung der Beziehung Staat-Banken in Österreich ab, bei der starke finanzielle Stützungsmaßnahmen gang und gebe waren, so sind es vor allem der Agrar- und der Handelssektor, in denen es zu den stärksten Eingriffen des Staates gekommen ist, wenngleich Ansätze auch beim Gewerbe und in der Industrie nicht zu übersehen waren. Ob Marktregulierung, Interventionismus oder Planwirtschaft - die Begriffe werden ohne scharfe Abgrenzung für die wirtschaftlichen Maßnahmen der Regierung ver­wendet. Die einzige Konstante im wirtschaftspolitischen Kurs der Regierungen Dollfuß und Schuschnigg war die Stabilhaltung der Währung bei ausgeglichenem Staatsbudget22. Die Regierangen Dollfuß und Schuschnigg hatten zwar wenig Spiel­raum, ihre deflationäre Wirtschaftspolitik insgesamt zu ändern, da Österreich ver­pflichtet war, seine Staatsausgaben auf das äußerste einzuschränken, um die Forde­„Planwirtschaft“ als Krisenbekämpfung März, Eduard: Zwei Brüder aus Lemberg. In: Das jüdische Echo, September 1984, S. 102. Vgl. im Detail Mises, Ludwig: Liberalismus. Jena 1927. 17 Vgl. dazu die Osterbotschaft von Bundeskanzler Schuschnigg: D e r Österreichische Volkswirt vom 27.April 1935, Nr. 30, S. 576 „Arbeitsbeschaffung“. 18 Wiener Wirtschafts-Woche, Weihnachten 1936, Staat und Wirtschaft von Bundeskanzler Dr. Kurt von Schuschnigg. S. 1. 19 Vgl. dazu die Zeitschrift Wiener Wirtschafts-Woche, in der laufend Artikel von österreichischen Regie- rungsmitgliedem erschienen. Die Zeitschrift erschien von April 1932 bis 1938. 20 Der Österreichische Volkswirt vom 25. Mai 1935, Nr. 34, S. 1 „StaatsschöpfUng nicht Konstruktion“. 21 Vgl. dazu Wiener politische Blätter. Hrsg. Emst Karl Winter, 4. Jahrgang, Nr. 3, 22. März 1936, S. 89 ff „Die sechs Theorien des berufständischen Aufbaues“; Siegfri ed, Klaus Jörg: Universa­lismus und Faschismus. Das Gesellschaftsbild Othmar Spanns. Wien 1947, S. 137 ff; P e 1 i n k a, Anton: Stand oder Klasse? Die christliche Arbeiterbewegung Österreichs 1933-1938. Wien-München-Zürich 1972, S. 241 f. 22 Kernbauer, Hans -März, Eduard -Weber Fritz: Die wirtschaftliche Entwicklung. In: Österreich 1918-1938, hrsg. von Erika Weinzierl und Kurt Skalnik. Graz-Wien-Köln 1983, Bd. 1, S. 343-379. 33

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