Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
ENDERLE-BURCEL, Gertrude: „Planwirtschaft“ als Krisenbekämpfung. Aspekte österreichischen Staatsinterventionismus 1930 bis 1938
Gertrude Enderle-Burcel schafit meinte in den dreißiger Jahren daher sicher nicht eine zentral gelenkte sozialistische Wirtschaft, sondern wurde für den krisenbedingten Staatsinterventionismus in den verschiedensten Wirtschaftszweigen verwendet. Die wirtschaftspolitischen Maßnahmen vieler Staaten in den dreißiger Jahren nahmen eher den Charakter einer „planlosen Planwirtschaft“ an7. Theoretische Ansätze zu planwirtschaftlichen Konzeptionen mit längerfristigen Perspektiven gab es in Österreich nur in Kreisen sozialdemokratischer Theoretiker8. Parallel zu den wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten gewann auch eine antiliberalistische, antikapitalistische und antidemokratische Grundhaltung in vielen Staaten die Oberhand. Der Zusammenhang von Weltwirtschaftskrise, Krise der parlamentarischen Demokratien und Installierung faschistischer Herrschaft ist dabei evident und an dieser Stelle nicht weiter auszuführen9. Dem „Versagen“ der alten Parteienparlamente wurde die Behauptung entgegengestellt, daß ein autoritärer „Interventionismus“ alleine schon eine Besserung der Wirtschaftskrise leisten könne10 *. Den Forderungen verschiedener Wirtschaftskreise nach „Aktionen, Plänen und Feldzügen“ wurde international entsprochen“, wenngleich in unterschiedlicher Form. Der New Deal in den USA etwa sollte eine staatlich veranlaßte, dirigierte und begrenzte Reform des Kapitalismus leisten12. Frankreich griff dagegen auf klassischliberale Konzepte zurück13. Weit einschneidender waren die faschistischen Modelle, die in ganz Europa zu beobachten sind14 *, wobei das Spektrum vom Austrofaschismus über italienischen Faschismus bis hin zum Nationalsozialismus13 reichte. Das behauptete Versagen der Demokratie in der Wirtschaftskrise wurde zum Anlaß genommen, auf allen Ebenen des Staates mehr oder weniger diktatorische Eingriffe zu setzen. Bei der österreichischen Wirtschaftspolitik der dreißiger Jahre klaffte theoretischer Anspruch und praktische Umsetzung weit auseinander. Der prominenteste Repräsentant der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, Ludwig Mises, lehnte Jedes 7 Treue, Wilhelm: Wirtschaftsgeschichte der Neuzeit. Band II, 20. Jahrhundert. Stuttgart 1973, S. 22. 8 Vgl. dazu etwa die Vorstellung von K a u t s k y: Planwirtschaft. 9 Zu den Interpretationsmöglichkeiten vgl. etwa Matti, Siegfried: Die Finanzdiktatur. Wirtschaftspolitik in Österreich 1933-1938. In: „Austrofaschismus“. Beiträge über Politik, Ökonomie und Kultur 1934— 1938. Wien 1984, S. 133-159, hier S. 133. 10 Der Österreichische Volkswirt vom 26. Jänner 1935, Nr. 17, S. 323 ff. „Prof. Dr. Emanuel Hugo Vogel: Ständeverfassung und Demokratie“. Der Österreichische Volkswirt war ein aufmerksamer Beobachter der politischen Verhältnisse in Österreich und noch lange Jahre nach Ausschaltung des Parlamentes und Errichtung der Ständediktatur ein Verteidiger der österreichischen Demokratie. Dobretsberger, Freie oder gebundene Wirtschaft? S. 122 f. 12 Treue, Wirtschaftsgeschichte S. 19-25. 13 Matti, Finanzdiktatur. In: „Austrofaschismus“. Beiträge über Politik, Ökonomie und Kultur 1934- 1938. Wien 1984, S. 134. 14 Der Österreichische Volkswirt vom 24. Dezember 1932, Nr. 13/14, „Karl Polanyi, Wirtschaft und Demokratie“, S. 301. Der Autor verweist auf den Bolschewismus in Rußland und auf die Militärdiktaturen und fascistischen Systeme in vielen Staaten Ost-, Mittel- und Südosteuropas. Zur „bäuerlichen Marktordnung“, Schachts „neuen Plan“, der „Planung im Arbeitseinsatz“ usw. vgl. Treue: Wirtschaftsgeschichte, S. 52 f. 32