Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
ENDERLE-BURCEL, Gertrude: „Planwirtschaft“ als Krisenbekämpfung. Aspekte österreichischen Staatsinterventionismus 1930 bis 1938
„PLANWIRTSCHAFT“ ALS KRISENBEKÄMPFUNG. Aspekte österreichischen Staatsinterventionismus 1930 bis 1938 von Gertrude Enderle-Burcel „Der Marxismus ist tot, es lebe die Planwirtschaft“ ist nicht erst das Motto von Wirtschaftsplanern der Europäischen Union, sondern wurde schon 1936 von der Wiener Wirtschafts-Woche, dem Sprachrohr von Nationalbankpräsidenten Viktor Kienböck, ironisch vermerkt1. Diskussionen um die Zweckmäßigkeit bzw. Rechtmäßigkeit staatlicher Interventionen für in Schwierigkeiten geratene Industrien oder ganzer Wirtschaftszweige sind so alt wie es staatliche Gebilde gibt. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise nahmen Interventionen allerdings ein bis dahin nie erreichtes Ausmaß an2. Für diese staatlichen Eingrifte wurde in den dreißiger Jahren von Politikern, aber auch in der wissenschaftlichen Fachliteratur3 4 sowie in der Presse" immer häufiger der Begriff „Planwirtschaft“, der seit den Sozialisierungsbestrebungen nach dem Ersten Weltkrieg im Gebrauch stand5, verwendet. „Bauern und Kapitalisten“ sowie „Bankgewaltige“ forderten mit „erstaunlicher Offenheit“ staatliche Eingriffe in die Wirtschaft, moniert Benedikt Kautsky in einem Artikel im Kampf. Jeder verband allerdings mit der Bezeichnung „Planwirtschaft“ einen anderen Begriff und modelte sich „die Planwirtschaft nach seinem unmittelbaren Interesse, keiner wünschte aber die Planwirtschaft als etwas Dauerndes“. Sie sollte nichts anderes sein als ein Hilfsmittel für vorübergehende Schwierigkeiten - das in der Krise unerreichbare Ideal blieb aber die „freie Wirtschaft“6. Planwirt1 Wiener Wirtschafts-Woche vom 29. April 1936, S. 1 „Der Marxismus ist tot, es lebe die Planwirtschaft!“ 2 Stiefel, Dieter: Finanzdiplomatie und Wirtschaftskrise. Die Krise der Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe 1931. Frankfurt/Main 1989, S. 129. 3 Vgl. dazu etwa Dobretsberger, Josef: Freie oder gebundene Wirtschaft? Zusammenhänge zwischen Konjunkturforschung und Wirtschaftsverlauf. München/Leipzig 1932; Englis, Karel: Regulierte Wirtschaft. Prag 1936; Haberler, Gottfried-Verosta, Stephan: Liberale und planwirtschaftliche Handelspolitik. Berlin 1934; Kapp, Karl W.: Planwirtschaft und Außenhandel. Genf 1936; Machlup, Fritz: Führer durch die Krisenpolitik. Wien 1934; Mises, Ludwig: Die Ursachen der Wirtschaftskrise. Tübingen 1931; Morgenstern, Oskar: Die Grenzen der Wirtschaftspolitik, Wien 1934. 4 Vgl. dazu ständige Artikel zur Planwirtschaft in der Wiener Wirtschafts-Woche: vom 1. September 1932, S. 8 „Panwirtschaft?“; vom 12. Oktober 1932, S. 5 f. „Zwangswirtschaft oder Wirtschaftsfreiheit?“; vom 20. Februar 1935, S. 5 „Vor einer staatlichen Planwirtschaft in der tschechoslowakischen Textilindustrie“; vom 20. März 1935, S. 2 „Zwangskartelle und Industriesperre? Die Maßnahmen in Frankreich und England“; vom 26. Juni 1935, S. 3 „Faschismus, Planwirtschaft, Privatinitiative“. Die zitierten Artikel stellen nur eine kleine Auswahl dar. 5 Kapp: Planwirtschaft, S. 7. 6 Kautsky, Benedikt: Möglichkeiten und Aussichten der Planwirtschaft in Österreich. In: Der Kampf, Jg. 24 (Dezember 1931), S. 520 f. Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46/1998 31