Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)

SCHEMBOR, Friedrich Wilhelm: Die österreichische Neutralität von 1807–1809. Die preußischen Aufstandsversuche in Ansbach-Bayreuth und der Kampf um Preußisch-Schlesien

Die österreichische Neutralität von 1807-1809 Ein preußischer Soldat sah die Vorgänge, wie wir aus dem Intercept25 seines Brie­fes aus Böhmen an einen Freund nach Niederschlesien entnehmen, viel prosaischer: „Man gab mir das Wachtmeister-Portepee26 und das Leutnantpatent war mir verspro­chen, als die gänzliche Zersprengung und Dissolution des Major Stößelschen Korps das Finale der Pleßischen Operation herbeifuhrte und den Fürsten nach Nachod zu gehen zwang, wohin ihm die Trümmer seiner militärischen Flerrlichkeit den 16. (ohne Waffen) nachschlichen. Man schickte ein ,de profundis’ an den Monarchen von Österreich, der sich jedoch alles militärische Aussehen verbat; man verkaufte die Remonten an Lieferan­ten, die maroden Pferde an Juden und Christen, die Offiziere krochen in Zivilkleider, erhielten das Consilium abeundi und Pässe ohne Charakter27 28 und der bedauernswerte Troß schlesischer Trojaner ging armseligerweise qua poterant in die vier Weltteile.“2’ Österreichische Verhaltensweise Am 14. Feber meldete Oberst Peter von Vecsey aus dem Stabsquartier Gitschin, daß 2 000 Mann Infanterie und 500 bis 600 Mann Kavallerie preußischer Truppen mit vier Kanonen bei Ottendorf über die Grenze gekommen seien. Er legte ein Schreiben Stößels aus Gellenau bei, in dem dieser, nachdem dessen Korps entwaffnet worden war, darum ersuchte, durch österreichisches Gebiet wieder nach Preußen ziehen zu dürfen. Vecsey erteilte den Befehl, daß die Preußen notfalls, jedoch ohne Waffen, österreichisches Gebiet betreten dürften und ins Landesinnere zu verweisen seien. Er schrieb, seine aufgestellten Detachements hätten sich zwar dem Einmarsch der preußischen Truppen widersetzt, die Kolonne habe sich jedoch nicht aufhalten lassen und sei, teils durch österreichisches, teils durch preußisches Gebiet, weiter­marschiert. Bereits am nächsten Tag erteilte Erzherzog Karl Oberst Vecsey einen gehörigen Rüffel, daß dieser das beträchtliche preußische Truppenkorps ungehindert habe durch österreichisches Gebiet ziehen lassen. Außerdem wollte er Aufklärung dar­über, wieso das Gesuch von Stößel nach Gitschin gelangt sei, wo sich doch in Nachod, nur zehn Kilometer entfernt, Feldmarschalleutnant Friedrich Freiherr von Gottesheim befand, der die Befehlsgewalt über den gesamten dortigen Kordon über hatte. Am 15. Feber meldete der zu Braunau kommandierende Oberstleutnant Franz Vlasits an Gottesheim, daß in der Früh ein Gefecht zwischen dem Korps des Majors Stößel und den bayerischen Truppen bei Königswalde stattgefunden habe und ein Teil der Truppen in Schönau die Waffen abgelegt habe und nach Braunau eskortiert worden war. Die Preußen seien auch auf österreichischem Gebiet von den Bayern weiter verfolgt worden, bis Vlasits eintraf, der dann vom französischen General 25 Interzepte sind geheime Abschriften von Briefen. An sensiblen Orten, wie etwa den böhmischen Bädern, oder bei entsprechenden Anlässen wurden die Briefe bei den Postämtern von besonders ausgebildeten Per­sonen geöffnet, relevante Inhalte abgeschrieben und der Polizeibehörde weitergeleitet. 26 Degenquaste für Offiziere. 27 den Rat, abzugehen; die Entlassung. Pässe ohne Charakter, d. h. Pässe ohne Berufsangabe, im gegebenen Fall, ohne Angabe, daß es sich bei der Person um einen Offizier handelte. 28 Höpfner: Krieg, 2. TI., 4. Bd., S. 174; HHStA, StK, Preußen, Korrespondenz 1807, Kt. 90, fol. 7-12; AVA PHSt 1269/aaa/1807. 323

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