Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
RAUSCHER, Peter: Recht und Politik. Reichsjustiz und oberstrichterliches Amt des Kaisers im Spannungsfeld des preußisch-österreichischen Dualismus (1740–1785)
Recht und Politik zum Ausdruck brachte172. Auch die pessimistische Einschätzung der Erfolgschancen Josephs teilte Friedrich mit Rohd173. Im Grunde interessierte sich aber der preußische König sehr wenig für den Inhalt der kaiserlichen Reformbemühungen sondern eher dafür, anhand der Auseinandersetzungen zwischen dem Kaiser und dem Reichshofrat Josephs Charakter studieren zu können174. Neben der Person des Kaisers galt das vornehmliche Interesse Friedrichs dem ehemaligen Reichshofrat Egyd von Borié175. Dieser, schon als treibende Kraft in den reichshofrätlichen Verfahren gegen Preußen im Zuge des Siebenjährigen Kriegs hervorgetreten, wechselte zwar Ende 1760 in den Staatsrat, blieb jedoch weiterhin eng mit dem Reichshofrat verbunden176. Gemäß einer Anordnung Franz’ I., die auch von Joseph II. bestätigt wurde177, sollte er weiterhin Sitz und Stimme im Reichshofrat behalten178. Borié galt als die maßgebliche Figur hinter den Reformbemühungen Josephs179. Friedrich forderte in seinem Bestreben, die „fagon de penser“ maßgeblicher Politiker zu kennen, von Rohd eine Beschreibung der Persönlichkeit Boriés und eine Antwort auf die Frage, ob dieser eines Tages eine große Rolle innerhalb der kaiserlichen Politik spielen werde.180 Als Rohd dies verneinte181, erlosch auch das Interesse des Königs. Im Prinzip sah Friedrich den Reichshofrat auch unter Joseph II. als ein traditionelles Instrument kaiserlicher Einflußnahme auf das Reich, was sich seiner Meinung nach nicht zuletzt an der Behandlung des Württembergischen Ständekonflikts offenbarte: „Je juge [...], que le Conseil aulique continuera dans le mérne train, et que les anciens principes de la cour de Vienne y domineront toujours“182. 172 „A mon avis, l’Empereur a grande raison d’etre mécontent de la conduite du Conseil aulique, et de penser á une réforme dans ce college“ (Friedrich an Rohd, Potsdam 1768 März 13. siehe Politische Cor- respondenz 27, S. 81, Nr. 17096). 173 Vgl. ebenda. 174 Der König bedankt sich zunächst für erhaltene Informationen über eine Bestechungsaflare am Reichshofrat, um dann fortzufahren, daß er diese für nicht sehr wichtig halte, außer daß sie ihm gestatte, die politische Durchsetzungsfahigkeit Josephs II. einzuschätzen: „Ce n’est pas pour l’importance de l’affaire, con- sidérée en soi-méme, mais ce qui excite ma curiosité de savoir de vous comment l’Empereur se prendra sur la fermentation qui s’en est élevée parmi les conseillers de ce tribunal, c’est que l’on reconnaltra en quel- que fafon dans cette occasion le caractére de ce Prince et pénétrer[a] s’il a de la fermeté ou non“ (Friedrich an Rohd, Berlin 1768 Januar 3. siehe Politische Correspondenz 27, S. 2, Nr. 16968). 175 Zu dessen Person vgl. Gschließer: Reichshofrat, S. 454—456. 176 E b e n d a, S. 455; Zum Portrait Boriés seitens des preußischen Gesandten siehe GStAPK, HA I., Rep. 96, Nr. 46 K, Rohd an Friedrich, Wien 1768 April 2.. 177 HHStA, RHR, Verfassungsakten, Fasz. 12, Paket 65, fol. 298, Joseph an Colloredo, Wien 1766 April 4; vgl. auch Gschließer: Reichshofrat, S. 470. 178 Gschließer: Reichshofrat, S. 455. 179 Vgl. Anm. 171; Rohd fahrt nach der Betonung der besten Absichten des Kaisers hinsichtlich der Neuordnung des Reichshofrats fort: „mais on erőit qu’il ecoute trop le Baron de Borié“ (Rohd an Friedrich vom 4. Juni 1766). 180 Friedrich an Rohd, Potsdam 1768 März 13 (wie Anm. 172); Friedrich an Rohd, Potsdam 1768 April 10. siehe Politische Correspondenz 27, S. 121 f. (Nr. 17154). 181 GStAPK, HA I., Rep. 96, Nr. 46 K, Rohd an Friedrich, Wien 1768 April 23: „Quant au Baron Borié, il n’y a nulle apparence qu’il parvienne un jour ä jouer quelque grand role auprés de l’Empereur“. 182 Friedrich an Rohd, Potsdam 1768 Februar 17. siehe Politische Correspondenz 27, S. 52 (Nr. 17052). 301