Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)

LUNKOW, Nikolai M.: Wien 1945. In Erinnerung eines Augenzeugen

Wien 1945 - in Erinnerung eines Augenzeugen zuständig. Dadurch kannten sich all seine Leute in jedem kleinsten Winkel der öster­reichischen Hauptstadt aus. In der Nacht vom 6./7. April, einen Tag vor dem geplanten Aufstand der Wider­standsbewegung in Wien, wurde Major Szokoll von der SS aufgespürt und sollte verhaftet werden. Durch seine Leute im letzten Moment gewarnt, durchquerte er kurzerhand die Frontlinie und erreichte das durch Sowjets befreite Gebiet. Hier war er gut bekannt als Antifaschist und Mitarbeiter in der deutsch-österreichisch­sowjetischen Gegenaufklärung. Dank Plänen und Verteidigungskarten Wiens, die er dem sowjetischen Kommando übergab, konnten nun unsere Einheiten Wien vom Südwesten, Osten und vom Nordosten her angreifen und Verluste mindern. Diese breit angelegte Militäroperation zeigte die wahre Stärke der österreichisch­sowjetischen Zusammenarbeit, die sich hier, bei der Säuberung der Stadt und Umge­bung von Resten der deutschen Truppen, bestens bewährte. Unsere Einheiten ver­suchten den Kampf so zu fuhren, daß die Bevölkerung in dicht bewohnten Stadtbe­zirken möglichst keine unnötigen Schäden erlitt. Die Widerstandsbewegung nahm ihrerseits die Kommunikationsswege des Feindes in Angriff. Von ihr wurde die deutsche Telephonzentrale abgeschnitten und die gesamte Administrative der Militärmaschinerie Hitlers damit lahmgelegt. Dieser Umstand begünstigte die Operationsmöglichkeiten der Roten Armee. Marschall Tolbuchin schätzte den Beitrag der österreichischen Widerstandsbewe­gung im Krieg sehr hoch. In einem Gespräch mit mir äußerte er einmal seine An­sicht, daß unser Kampf wesentlich schwerer und blutiger verlaufen und der Gesamt­verlust wesentlich höher wäre, als der von 70 000 Menschen, hätte die Widerstands­bewegung nicht aktiv mitgeholfen. Von Ungarn her angreifend, nahmen Teile der 3. Ukrainischen Front Wiener Neustadt ein. Die etwa 50 km südlich von Wien entfernte Industriestadt - und ein wichtiger Eisenbahnknoten - wurde von den Deutschen „das Schloß zum Wiener Becken“ genannt. Eisenstadt und Neunkirchen wurden als wichtige Punkte der feindlichen Verteidigung südlich von Wien ebenfalls eingenommen. Die Deutschen schleuderten hier Massen von Einheiten an die Front, wurden aber alle vernichtet. Die Kämpfe waren hart und grausam, denn auch hier gingen manche Gegenden von einer Hand in die andere. Eines Falles kann ich mich besonders gut erinnern. Am Stadtrand standen hinter einem Zaun grüne Baracken. Die SS kam, brachte russische Mädchen, die man unter das Faschistenjoch getrieben hatte und zwang sie hinein. Dann sperrte man die Ba­racken mit Eisengittem zu und wollte alles sprengen. Nun, unsere kühnen Soldaten durchkreuzten die SS-Pläne. Die Mädchen wurden gerettet. Sie weinten vor Freude und in allergrößter Dankbarkeit umarmten sie ihre kampferprobten Retter. Auch nach Gloggnitz, nordöstlich von Wien, drang die Rote Armee ein. Hier lebte der erste österreichische Kanzler nach 1918 Karl Renner, von den Deutschen äußerst schlecht behandelt. Hier fand das erste offene Freundschaftstreffen mit dem maßge­bendsten Politführer Österreichs statt. Renner, von der Befreiung seines Landes von 217

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