Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)

LUNKOW, Nikolai M.: Wien 1945. In Erinnerung eines Augenzeugen

Nikolai M. Lunkow der deutschen Besatzung sichtlich gerührt, brachte sogleich eine Reihe konkreter Vorschläge zur Beseitigung restlicher deutscher Truppen und zum Wiederaufbau der österreichischen Wirtschaft zur Sprache. Er betonte, daß Wien seine Rettung „dem tatkräftigen Mut der Roten Armee, und der Kunst ihrer Befehlshaber verdankt. Solange die Österreichische Demokratische Republik besteht, bleibt das österreichische Volk seinem Befreier verbunden und wird ihm stets seine Dankbarkeit erweisen.“ Während die Deutschen versuchten, sich aus Wien zu retten, jagten sie alles in die Luft: Wasserleitungen, Stromnetze, die ganze Stadt wurde vermint und stand in Flammen. Von den sechs Wiener Brücken blieb eine einzige stehen: dank der Hel­dentat des sowjetischen Pioniersergeant Fjodorow, wie unsere Kommandanten stolz meldeten. Die Stadt wurde von den Sowjets fest eingeschlossen. Jetzt mußte rasch gehandelt, und Wien endgültig befreit werden. Ein längeres Zögern hätte uns niemand verzie­hen, wie Marschall Tolbuchin sagte, und am wenigsten die ausgehungerten, gequäl­ten und erschöpften Österreicher. Am 13. April wurde Wien von den Einheiten der 3. Ukrainischen Front unter Marschall Tolbuchin, der 2. Ukrainischen Front unter Marschall Malinowski und der sowjetischen Donauflotte von den deutschen Besatzungstruppen befreit. Ich kann mich aber erinnern, daß in der Stadt einige Tage lang noch geschossen wurde. Dabei wurden insgesamt 11 Panzerdivisionen zerstört, über 130 000 deutsche Sol­daten und Offiziere gefangen genommen, 1 345 Panzer und Fahrzeuge vernichtet bzw. erbeutet. Die Befreiung Wiens war nicht nur ein militärischer, sondern auch ein politischer Sieg von größter Bedeutung: am 12. März 1938 hatte bekanntlich Hitler Österreich besetzt, das erste Land, das in Europa dem Faschismus zum Opfer fiel und zum Sprungbrett für die Besetzung der Tschechoslowakei wurde. Fast die gesamte Bevölkerung Wiens kam mit Fahnen und Plakaten hinaus, um die siegreiche Rote Armee, die sie befreite und aus Faschistenklauen rettete, zu begrü­ßen. Es wurde gemeinsam gefeiert - die Österreicher mit den Sowjets. Marschall Tolbuchin richtete folgende Worte an die Wiener Bevölkemng: „Das österreichische Volk heißt nicht zum ersten Mal Russen in seinem Land will­kommen. Es kann gewiß der ruhmvollen Taten und Feldzügen Suworows und Kutusows gedenken, durch welche Österreich von den russischen Soldaten und ihren genialen Be­fehlshabern im Kampf gegen Napoleons Angriffe einmal Hilfe erhielt.“ Karl Renner wandte sich den Wienern mit diesen Worten zu: „Die Deutschen haben uns nicht aufgenommen, sondern versklavt. Unsere Zentralor­gane wurden von ihnen beseitigt, alle Einrichtungen unseres Vaterlandes nach Berlin verlegt und uns jegliche Autonomie versagt, die das beste Mittel zur politischen Erzie­hung eines jeden Volkes ist. Kein einziges Amt von Bedeutung wurde von einem Öster­reicher geleitet. Sie haben uns wirtschaftlich ausgebeutet: die Goldvorräte unserer Natio­nalbank nach Berlin überfuhrt, alle großen landwirtschaftlichen Organisationen unter deutsche Kontrolle gestellt, unsere Staatsmonopole deutschen Privatgesellschaften über­tragen. Wie die Heuschrecken fielen sie über unsere Volkswirtschaft her und haben bei uns alle Waren ausverkauft. Durch Hitlers Wahn, die ganze Welt zu erobern, wurden wir bettelarm, ein Volk, dem es an Jugend und reifen Männern fehlt, ein Volk, das heute nur noch aus Kindern, Alten, Krüppeln und Kranken besteht. Aus diesen vielen Gründen 218

Next

/
Oldalképek
Tartalom